Born to fight!

Ducati Streetfighter 848

Von Simon Haltiner
01.12.2011 11:43:44

Nach der brutalen Streetfighter S liefert Ducati jetzt eine «entschärfte» Version nach. Doch auch diese wird ihrem Namen gerecht.

 

Drei Gründe waren ausschlaggebend für meine Vorfreude auf diese Präsentation: Erstens sind Ducati-Veranstaltungen stets hervorragend organisiert, was einem Vorurteil über das südliche Nachbarland widerspricht, das man hierzulande immer wieder hört. Zweitens kommt man ausgiebig zum Fahren. Diesmal führt eine 100-Kilometer-Runde durch Ferrari-Land bei Maranello, und der Autodromo di Modena ist für uns reserviert. Wir hatten die Ehre, diese brandneue kleine (zwei Kilometer) und trickreiche Rennstrecke als Erste befahren zu dürfen.

Und drittens natürlich: die neue Streetfighter 848. Wow, welch ein Bike! Schon im Stand wirkt es wie ein Sprinter, der auf den Startschuss wartet. Die Verkleidungsteile sind aus raffiniert facettierten Flächen aufgebaut, und das unbescheidene Perlmuttgelb passt perfekt. Genau dieses wird übrigens auch bei einem Sportwagen verwendet, der aus dieser schönen Region stammt: beim Lamborghini Gallardo. Dieser gilt unter Zahlengläubigen - wohl wie die 848 - zu Unrecht als Einsteiger-Lambo, da er noch einen stärkeren Bruder hat. Klar, die Streetfighter S mit dem 1098-Testastretta-Motor, 153 PS und 280 km/h Topspeed ist ein wildes Tier. Sie besitzt gewaltige Bremsen und ein steinhartes Federbein. Die für ein Naked-Bike aussergewöhnlich vorderradorientierte Sitzposition in Kombination mit dem Twin-typisch direkten Ansprechverhalten ist eher nichts für Anfänger und zögerliche Naturelle.

Kriegen Letztere nun eine Streetfighter «light»? Der Projektleiter Giuseppe Caprara dementiert: «Wir haben ein bisschen Highspeed-Stabilität geopfert, um mehr Agilität zu erreichen. Doch beide Bikes sind sehr sportlich.» Studieren wir das Datenblatt: Der Radstand von 1475 mm ist zwar gleich geblieben, doch der Lenkkopf steht mit 65,5 statt 64,4 Grad steiler, und der Nachlauf ist mit 103 statt 114 mm entsprechend kürzer geraten. So kippt die kleine wohl schneller. Handlingfördernd wirkt vermutlich auch der neu entwickelte Pirelli-Diablo-Rosso-Corsa-Hinterpneu mit unorthodoxem 180/60er-Querschnitt.

Das alles spricht dafür, dass der kleine Strassenkämpfer kurvengieriger ist als sein grosser Bruder. Schwer vorstellbar, ehrlich gesagt. Bereits beim Aufsitzen wird klar, was es geschlagen hat: Das stark vorgeneigte Polster schubst einen zum Lenker. Dieser reckt sich zwar 20 mm höher, ist aber stärker nach unten gekröpft. Warum so extrem? Das ist nötig, um mehr Gewicht auf das Vorderrad zu bringen. Warum, zeigt sich bei der Ausfahrt aus der Schikane des Autodromo.

Ab auf die Piste!

Im blinden Vertrauen in die Traktionskontrolle reisse ich am Kurvenausgang voll auf und merke, wie sich der Lenker auch bei über 100 km/h bergab plötzlich ziemlich luftig anfühlt. Der mit 13,2:1 hochverdichtete Testastretta 11° brettert gnadenlos, bis ab der 10 000er-Marke rote Schaltblitze warnen. Die Gänge lassen sich dank kurzer Schaltwege mit «Gaslupfen» ohne Kupplung durchwinken, was den Zugkraftunterbruch minimiert. Das schätzt man besonders in der langgezogenen Rechtskurve Richtung Start-Ziel, die in Maximalschräglage durchfahren wird. Kopf runter, es folgt die Gerade.

Beim Anbremsen aus über 200 km/h auf die Haarnadel lassen die radialen Vierkolbenbrembos mit 320er-Scheiben keine Wünsche offen. Einziger Kritikpunkt: eine vernachlässigbare Einklapptendenz in Schräglage nach dem Öffnen der Beläge. Insgesamt hat die Maschine auf dieser kleinen Piste einen starken Eindruck hinterlassen. Auf einem schnellen Kurs könnte die ausgeprägte Handlichkeit vielleicht störend werden, so darf man spekulieren.

Jedenfalls machte genau diese Handlichkeit Lust auf die bevorstehende Reise durch die hügelige Emilia-Romagna. Die Gegend ist zwar dicht besiedelt, doch sind die Italiener offenbar wesentlich toleranter, weshalb es sich ordentlich «powercruisen» lässt. Hier findet sich das komplette Programm von Asphaltsorten und Kurvenradien. Auf Holperpisten steckt das Sachs-Federbein derart grobe Schläge weg, dass man meint, der Verkleidungskiel schlage auf. Dennoch verliert die Duc nie den Boden unter den Rädern.

Der von der 848 Evo stammende Vierventiltwin leistet hier zwar sechs PS weniger, besitzt dafür aber einen weniger sprunghaften Leistungsanstieg bei 8000/min. Die meisten Situationen lassen sich im zweiten Gang bewältigen, denn bereits ab 4000/min zieht der Desmoquattro vehement hämmernd an und brabbelt und knallt genüsslich im Schiebebetrieb, unterlegt vom satten Ducati-Bass.
Das Fahrwerk schenkt Vertrauen, sodass man sich immer aggressiver und schneller in die Ecken wirft und mit der Wahrnehmung irgendwann fast nicht mehr nachkommt.

Das Ding ist verflucht präzise und schnell. Einzig die etwas kurzen Fussrasten und der Krümmer im rechten Fersenbereich stören wie bei der grossen Schwester das Bild. Bei der Kaffeepause kommen verschwitzte und grinsende Gesichter unter den Helmen zum Vorschein. Die grobe Schwester S hat hier keiner vermisst. Die 848 verfügt zwar über weniger, aber dennoch mehr als ausreichend Kraft. Und diese ist einfacher dosierbar.

Streetfight für jedermann?

Dieses Gerät deswegen als einsteigertauglich zu bezeichnen, wäre etwas gewagt. Klar, man kann mit jedem Töff wie in der Fahrschule herumrollen. Doch wer diese Duc von der Leine lässt, muss wissen, was er tut: Sie ist keine zahme Variante, sondern ein Bike, das auf noch mehr Handlichkeit getrimmt wurde.

Passenderweise mit Traktionskontrolle statt ABS: ein Feature, das hilft, vor Übermut statt Unsicherheit zu schützen. Streetfighter ist ein passender Name für diesen scharfen Land-strassen-Kämpfer, der sich zu Superduke und Tuono gesellt. Folglich eher nichts für Neonwesten, die am Wochenende stundenlang irgendwelchen Autos nachschleichen. Vielleicht ist die Tempoanzeige darum so klein geraten wie die Kühlwassertemperatur. Man geht wohl davon aus, dass der echte Streetfighter sich nicht sonderlich dafür interessiert    

Ducati Streetfighter 848

 

  • Hubraum: 849,4 ccm
  • Leistung: 132 PS bei 10000/min
  • Gewicht: 198 kg fahrfertig
  • Preis: 15 990 Franken
  • Verkehrsabgabe: 60 bis 283 Fr./Jahr

 

Auf den Punkt gebracht

Der Name ist Programm: Power in jeder Drehzahl und ein transparentes Fahrwerk machen den perfekten Streetfighter aus.

+ Kraftvoller, vielfältiger Twin
+ Zählt mit MV zu den schönsten Nakeds
+ Traktionskontrolle serienmässig
+ Satte Bremsanlage

- Kurze Fussrasten, Auspuffblende stört
- Aufstellneigung beim Bremsen
- Nervös bei Konstantfahrt

Import
MotorImport AG, Bernerstr. Nord 202,
8064 Zürich, Tel. 044 434 87 87; ducati.ch Ab November in Schwarz, Gelb und Rot    

 

Dynamischer geht kaum: Die Streetfighter wirkt im Stand wie in einer Vollbremsung Dynamischer geht kaum: Die Streetfighter wirkt im Stand wie in einer Vollbremsung © Milagro
Schutz vor Waffen: Zwillingsgeschütz mit markanter Akustik und seidig glänzender Oberfläche Schutz vor Waffen: Zwillingsgeschütz mit markanter Akustik und seidig glänzender Oberfläche © Milagro
Das RennsportInstrument ist schlicht und funktional. Das RennsportInstrument ist schlicht und funktional. © Milagro