Pure Coolness
Harley XL Forty-Eight
Harley-Davidson XL Forty-Eight: Mit dem radikalen Retro-Chopper auf Sportster-1200-Basis und Pomade im Haar zurück in die Nachkriegszeit.
Nach dem Sieg über das Dritte Reich kehrten 1945 zigtausende US-amerikanische Militärs in ihre Heimat zurück. Und mit ihnen tonnenweise Kriegsmaterial. Darunter auch etliche Harley-Davidson WLA und Indian Army Scout, die an den Kriegsschauplätzen auf der ganzen Welt gedient hatten. Einmal zurückgeschifft, wurden die Bikes in den grossen Kriegshäfen der Vereinigten Staaten für eine Handvoll Dollar verkauft und fanden insbesondere in Airforce-Veteranen ihre neuen Besitzer. Die grossen Umschlagplätze waren die San Francisco Bay sowie der Kriegshafen von Los Angeles, in deren Umgebung dann auch die ersten Biker-Clubs Kaliforniens entstanden. Schon bald begannen die angehenden Rebellen, die trägen und schwülstig wirkenden Armeemaschinen nach dem Vorbild der damaligen Class-C-Renner aus der «Grand National Championship» leichter und schneller zu machen, indem sie alles abschraubten, was ihnen überflüssig erschien. Der Chopper («to chop», englisch für abhacken) war geboren und mit ihm die Customizing-Szene.
Harley-Davidson kehrt nun zurück in die Urknall-Epoche der Biker-Bewegung und lanciert auf Sportster-1200-Basis die XL Forty-Eight. Wieso gerade Achtundvierzig? Weil 1948 die Harley S-125 das Licht der Welt erblickte. Das Spezielle an ihr war der kleine Kraftstofftank, der äusserlich einer Erdnuss glich und daher von den Customizing-Vätern, die die zierlichen Behältnisse in rauen Mengen zu ordern begannen, liebevoll «Peanut»-Tank genannt wurde. Und das stilvoll beschriftete Exemplar mit nur gerade 7,95 l Fassungsvermögen steht ihr gut, der Forty-Eight. Ebenso der breite Low-Profile-Lenker, der die Rückspiegel nicht über, sondern unter seinen Enden trägt; der mit Pulverbeschichtung appetitlich rau wirkende Evo-V2 mit 1202 ccm Hubraum und die 16-Zoll-Speichenräder mit edel anmutenden Radnaben aus gefrästem Alu. Der dicke 150er-Vorderreifen passt ebenso ins stimmige Gesamtbild dieser traumhaft schön verarbeiteten Harley wie die gechoppten Fender, die geschwungenen und frei abstehenden Gaszugkabel, das zierliche Einmann-Sitzpolster sowie die verchromte Shorty-Dual-Auspuffanlage.
Da zieht’s dir die Jacke hoch
Mit Elan schwinge ich mich auf die kompakte Sportster und
stehe, sie nur gerade am Lenker berührend, verdutzt über ihr. «Das Ding baut
wirklich tief», denke ich mir, während ich den Allerwertesten kontinuierlich
absinken lasse, bis er erst 710 mm ab Boden sanft von der gut gepolsterten, auf
Dauer aber etwas ermüdenden Mini-Sitzkuhle in Empfang genommen wird. Der rechte
Stiefel schwingt sich instinktiv zur vorverlegten Fussraste, das linke Bein
stützt die Komposition völlig ungestresst bei einem Kniewinkel von grosszügigen
90 Grad ab. Den Ellbogen auf das rechte Knie abgestützt, schon erwacht der
Marlon Brando in mir, der als Bikergang-Leader Johnny Strabler in «The Wild
One» seine unerreicht coolen Posen schwingt. Ich richte die fahrbereit 260 kg
schwere, interessanterweise aber keineswegs beleibt wirkende Forty-Eight auf
und habe bis auf das elegante, zumal schlichte und gut ablesbare Rundinstrument
absolut nichts im Gesichtsfeld. Schon poltert der mächtige 45º-V2 sein dumpfes
Hämmern in die Lande.
Erstaunlich, wie gut Harley-Davidson den grossen Stortster-Einspritzer inzwischen hinbekommen hat. Die Gasannahme ist durchs Band vorbildlich geschmeidig, der Rundlauf nicht zuletzt dank der hohen Schwungmasse hervorragend. Das Anfahren klappt mit diesem kultivierten und ausgereiften Antrieb, ohne dass man Gas geben muss: Einfach die leichtgängige Kupplung kontinuierlich kommen lassen − und schon nimmt die Forty-Eight die Fahrt auf. Komplett eingekuppelt schnurrt sie dann mit gerade mal 20 km/h behäbig vor sich hin. Störende Vibrationen oder Lastwechselreaktionen? Kennt diese Sportster nicht.
Ich drehe am Gasgriff, prompt mobilisiert die 1200er ihr bäriges Drehmoment von maximal 98 Nm und schiebt mich mit einem immer wuchtiger werdenden, aber nie penetranten Grollen mit Nachdruck aus der Szenerie. Die 98 Nm stehen übrigens bereits bei 3200/min an, die der Fahrer wegen des Verzichts auf einen Drehzahlmesser erfühlen muss. Heisst also: früh schalten und dafür sorgen, dass die üppige Drehmomentwelle nicht bricht. Die Leistungszunahme schliesslich ist linear, das Getriebe gibt sich erfrischend knackig und quittiert Schaltmanöver mit einem fast schon romantischen, metallischen «Klank!».
Fahrwerk: Lust auf mehr
An ein Harley-Fahrwerk stelle ich in der Regel keine allzu
hohen Ansprüche. Umso mehr bin ich über das leichte Handling erstaunt, das die
Forty-Eight trotz 150er-Bereifung vorne wie hinten auf den Asphalt zaubert.
Dieses Bike ist tatsächlich perfekt ausbalanciert und hält in langsam wie zügig
gefahrenen Kurven vorbildlich den vorgegebenen Schräglagenwinkel. Darüber
hinaus lenkt es neutral ein, stellt sich beim Bremsen kaum auf und vermittelt
so summa summarum ein astreines Kurvenfeeling. Doch schon beim zweiten Kreisel
wird der freudige Kurvenschwung vom grellen Kratzgeräusch der über den Asphalt
schrappenden Angstnippel eingebremst. Und das bei nicht einmal
fortgeschrittener Schräglage. Auf der Forty-Eight dürfte auch der linientreuste
Chopper-Fahrer früher oder später in eine Kurve stechen wollen, doch wird ihn
dabei stets ein leicht beklemmendes Gefühl begleiten. Vom Entfernen der
Schleifnippel ist grundsätzlich abzuraten, es sei denn, man will sich die
Auspuffdämpfer zerkratzen. Hinzu kommen straff abgestimmte Federelemente mir
kurzen Federwegen, die zudem überdämpft wirken. Da wird’s auf der sonst sehr
komfortablen Forty-Eight bei Bodenunebenheiten schnell einmal unangenehm.
Low-Riding hat halt seinen Preis. Abschliessend kann hier aber festgehalten
werden, dass beim Fahrwerk dennoch die positiven Aspekte dominieren. Allerdings
werden in mir Erinnerungen an die XR 1200 wach, die genau wie die Forty-Eight
über eine verführerische Kurven-Aura verfügt, der sie dann aber doch nicht ganz
gerecht zu werden vermag. Aber wie unser Harley-Enthusiast und Hausfotograf
Richy immer wieder zu Recht betont: «Eine Harley muss in erster Linie geradeaus
fahren können.» Und das tut sie, die Forty-Eight!
Bleiben die Bremsen, die mit guten Verzögerungswerten aufwarten, besonders vorne jedoch ein gummiges Gefühl vermitteln. Ein nicht sonderlich dienlicher Sachverhalt, wenn die effiziente Dosierung einer Vollbremsung ansteht. Für Letztere würde man sich ein ABS wünschen, das man an der Forty-Eight allerdings vergeblich sucht. Die Bremsgarnitur des Hinterrads wird oft und gerne mitbenutzt.
Viel Bike fürs Geld
Die XL Forty-Eight ist nicht nur ein authentisch wirkender
Hingucker, bei dem es optisch aus jeder Perspektive Spannendes zu entdecken
gibt. Auch auf dem Highway ist sie ein grosser Wurf, der mit viel Charakter,
aber auch mit seinem kultivierten Wesen sowohl Einsteiger wie Kenner beflügeln
wird. Und beflügelnd ist auch der Preis: Für 14 400 Franken kann man sich eine der derzeit
schönsten ab Werk erhältlichen Harleys in die Garage stellen.
Fazit:
Ihren
Peanut-Tank würde man sich am liebsten auf den Nachttisch stellen. Und nicht
nur ihn! Die Forty-Eight ist eine der schönsten Harleys, die es je ab Werk für
faires Geld zu kaufen gab. Zudem macht das Fahren mit ihr Spass.





