Treffer

Husqvarna Nuda 900

Von Simon Haltiner
23.12.2011 13:04:51

Eine Supermoto oder ein Naked-Bike mit Schnabel? Mit der Nuda 900 räubert die BMW-Tochter Husqvarna nun im Strassensegment.

 

Du bist ein Narr, bringst ein Messer an eine Schiesserei!» Dieses Filmzitat geht mir durch den Kopf, als ich die Zielgerade des Circuito de Mores in Sardinien
hinunterschiesse. Doch erst mal der Reihe nach.

Husqvarna zählte zu den Motorrad-Pionieren der ersten Stunde. Die schwedische Waffenfabrik, deren Emblem übrigens keine Krone, sondern eine Gewehrmündung mitsamt Kimme und Korn symbolisiert, baute bereits 1903 den ersten Töff. Anfang der 30er-Jahre entwickelten die Nordlichter einen sensationellen V-Twin-Renner mit 500 Kubik, der an der Isle of Man TT 1934 den dritten Platz erreichte, obwohl er mit leerem Tank über die Ziellinie geschoben wurde. Nach dem Krieg wuchs der Wohlstand und mit ihm die Nachfrage nach günstigen Töff.

So verkauften die Schweden kleinvolumige Zweitakter und bald Enduros und Crosser, die sich dank ihrer  Rennerfolge einen starken Ruf sicherten. Auch die Hollywood- und Rennsportlegende Steve McQueen war ein grosser Fan der schwedischen Crosser. 1987 kaufte die italienische Cagiva-Gruppe die Motorrad-Division, und seit vier Jahren steht der Brand unter deutscher Ägide und zählt zur BMW Gruppe. Das ist eine bewegte Geschichte und dank der mächtigen Schützenhilfe aus München ein vielversprechendes Zukunftsprojekt: Der erste Schritt ist der Angriff auf das viermal grössere Onroad-Marktsegment. Agentin für diese Aufgabe ist die attraktive Nuda 900 und ihre noch sportlichere Schwester Nuda 900 R.


Vorsicht mit vorschnellen Urteilen

Obschon die Nuda 900 drahtig wie eine Supermoto daherkommt, erkennt das kundige Auge sofort die Teile aus dem BMW-Regal. Motor, Rahmen und Räder mitsamt rechts liegendem Endantrieb entstammen der F-800-Baureihe. «Also eine F 800 statt eine richtige Supermoto - es lebe das Baukastensystem und das Marketing», dachte ich mir und liess Endurohelm und Supermoto-Boots in Erwartung an ein Naked-Bike zu Hause.

Ein Fehler. Bereits in der ersten Kurve gab die Husky zu verstehen, dass sie Hang-off-Turnübungen gar nicht schätzt. Die breite Lenkstange lässt sich noch bei 100 km/h locker-luftig drehen, die schmale Bank mit dem rutschigen Bezug sorgt dafür, dass man quasi auf dem Vorderrad sitzt und mit diesem in die Kurve hineinfällt. So eiere ich auf diesem kippligen Bock unsicher über die Piste und klammere mich an die überbreite Lenkerstange, was die Sache auch nicht besser macht. Die 900 R fährt sich wie eine stelzige Enduro. Wieder auf der Geraden, winke ich die Schnelleren - also alle - vorbei und erhoffe mir eine Erkenntis aus der Beobachtung anderer. Und diese folgt auf beeindruckende Weise: Gerhard Lindner, BMW-Testpilot, schiesst kurz vor der Haarnadel noch vorbei, streckt den Fuss raus und driftet mit viel Tamtam,

Gummifetzen und Reifenqualm lässig in die Kurve. In diesem Moment entschuldige ich mich nach Walhalla bei den italo-deutsch-schwedischen Göttern für meine Ignoranz: Die Nuda schaut nicht nur aus wie eine Supermoto, sie fährt auch so! Also packe ich sie an ihrem Gehörn und drücke sie hinunter zum Asphalt, statt wie ein Geranienkorb seitlich am Töff zu hängen. Jetzt ist der Knoten auf, und (fast) keiner überholt mich mehr. Erstaunlich, wie viel Vollgas jetzt möglich ist. Die messerscharfen Brembo-Monoblocks schnappen zu wie ein Pitbull, die sensible Sachs-Gabel und das höhenverstellbare Öhlins-Federbein liefern trotz langer Federwege klares Feedback.

Der knurrende 900er-Paralleltwin dreht jeden Gang flugs in den Begrenzer und sorgt nach engen Kurven für lockere Stunteinlagen auf einem Rad. Wahnsinn! Die Mundwinkel ziehen sich fast bis zu den Ohren. Ebenfalls Sinn ergibt jetzt, dass manche Kollegen mit Supermoto-Stiefeln und Crosshelmen unterwegs sind. Mir aber läuft unter dem Integralhelm der Schweiss über das Gesicht, und meine schönen neuen Sidi-Stiefel werden in jeder Kurve Schicht für Schicht dem Asphalt überlassen. Falsch gepokert, falsch vorbereitet. Eben so wie mit dem Messer an einer Schiesserei.


Nix für Anfänger

Das Urteil nach einem Morgen auf der Piste: Die Nuda 900 R ist ein scharfes Gerät für den Supermoto-Piloten, der weiss, was er tut. Sie ist aber nichts für Grobmotoriker und Unerfahrene. Schon die digitale Vorderbremse würde solche spätestens bei der ersten Panikbremsung zu Boden schicken. Umso skurriler erscheint nun die Aussage des Projektleiters anlässlich der Präsentation am Vorabend: «Das Bike ist superagil und darum gedacht für Erfahrene.» Und er ergänzte paradoxerweise  postwendend, dass «die Nuda auch für Anfänger geeignet ist». Ziemlich widersprüchlich. So drängt sich die Vermutung auf, man behaupte einfach alles Mögliche, um viele Einheiten zu verkaufen. Mit diesem Vorwurf konfrontiert, reagierte der Projektleiter verständlicherweise etwas erregt und lieferte dann aber die fehlenden Informationen nach, um meinen Vorwurf zu entkräften.

Die Nuda 900 und die Nuda 900 R unterscheiden sich nämlich nicht bloss oberflächlich durch bunte Teile und Karbon-Konterfei voneinander, sondern  im Konzept: Gabel und Dämpfer sind bei der Standard-Nuda anders und führen zu einem stabileren, weniger kippligen Lenkverhalten, denn es wirken grössere Rückstellkräfte am Vorderrad. Die Sitzbank ist tiefer und breiter; man sitzt bequemer und weiter hinten. Sogar der Sitzbezug ist weniger rutschig. Die Vierkolbenstopper sprechen sanfter an, und die Übersetzung ist länger geraten.
Es ist beeindruckend, wie sich diese wenigen, aber gezielten Eingriffe auf das Wesen der Maschine auswirken: Sie verwandeln die zackige Supermoto zum umgänglichen Landstrassenfeger. Wenn es sein muss (die Münchner konnten es offenbar nicht lassen), sogar mit Köfferchen.


Wie viel BMW steckt drin?

Doch nun zur Frage, die uns auf der Zunge brennt: Ist das eine BMW in Husky-Farben? Nein, bereits das Styling ist total eigenständig. Das straffe Monocoque-Design definiert die Nuda auf den ersten Blick als Husqvarna. Polarisieren wird sicherlich der Zwitter aus traditionellem Fender und Offroad-Schnabel. Sprüche wie «Können die nicht einmal das Schutzblech richtig herum montieren?» oder «Hilft dir der Spoiler, wenn du über 300 km/h fährst?» sind unvermeidbar, doch letztlich schaut die Nuda eigenständig aus.

Nur der im Gesichtsfeld wabbelnde Bremsflüssigkeitsbehälter, der mit seinem gelben Inhalt an eine Urinprobe erinnert, ist die einzige Reminiszenz an die F-Serie. Der Rest ist Italo-Chic, vermischt mit teutonischer Perfektion, abzulesen etwa an den geprägten Emblemen, die anstelle von schnöden Aufklebern an den Flanken prangen. Und der Motor? Wir erinnern uns: Die F 800 R begeisterte durch ihr breites Powerband und ihre erfrischende Drehfreude. Diese positiven Eigenschaften sind geblieben, doch 898 statt 798 Kubik, eine höhere Verdichtung, je um 1 mm grössere Ventile, andere Nocken und um 45 Grad versetzt laufende Kolben schenken dem fast zu perfekten 105-PS-BMW-Motor den Rock n Roll.

Im Stand brabbelt die Nuda dumpf und angriffslustig und quittiert jeden Zwick mit einem Grollen, das sich nach V2 anhört. Wie eine F 800 nach einigen Gitanes sans Filtres. Auch die Vibrationen passen zu diesem rauen Charakter, doch die sind auf Reisen eher unerwünscht, genauso wie die nervösen 5000/min bei 120 km/h. Dafür überzeugt der Twin mit sanftem Leistungseinsatz und gutmütigem, aber entschlossenem Schub durchs ganze Drehzahlband, bis der Begrenzer dem Treiben bei 8000/min ein Ende setzt.

Die Husky mit dem erotischen Namen ist eine charakterstarke Ergänzung zum Angebot der grossen Supermotos von KTM, Aprilia und Ducati. Sie räumt dank überzeugender Qualität auf mit alten Klischees und dürfte für 12 490 Franken (14 490 Franken für die «R») viele Freunde finden. Weniger Freunde dürfte Husqvarna allerdings mit deren Motto «Mistreat the Street» finden, da man diesbezüglich bei uns bekanntlich keinen Spass versteht     

Husqvarna Nuda 900

  • Hubraum:  898 ccm
  • Leistung: 105 PS bei 8500/min
  • Gewicht:  174 kg trocken
  • Preis:  ab 12 490 Franken
  • Verkehrsabgabe:  60 bis 340 Fr./Jahr

Motor und Fahrwerk

Motor: Wassergekühlter Reihenzweizylinder-Viertakter, DOHC, 4 Ventile/Zyl., Bohrung×Hub 84×81 mm, Verdichtung 13; elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr-∅ 46 mm, Trockensumpf; Nasskupplung, 6 Gänge, Kette; 105 PS bei 8500/min, 100 Nm bei 7000/min

Fahrwerk: Stahlrohr-Trellis-Rahmen, Sachs 48-mm-USD-Gabel, Aluschwinge mit Hebelsystem und Sachs-Dämpfer (Nuda R: Öhlins); bei «R» alles komplett einstellbar; vorne Doppelscheibenbremse, ∅ 320 mm, mit Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse, ∅ 265 mm, Einkolbenschwimmsattel. Federwege 210 mm und 180 mm, Leichtmetallgussräder 3,5-17 und 5,5-17 Zoll; Bereifung 120/70-17 und 180/55-17     

Abmessungen: 13 l, Schrittbogenmass, 1910 mm, Lenkerinnenbreite 600 mm     

Auf den Punkt gebracht

Die Nuda 900 ist eine charakterstarke Italo-Supermoto mit deutscher Technik. Wer auf die Rennpiste will, greift zur «R».


+ Schlüssiges, vielseitiges Konzept
+ Sahnemotor mit Raucherstimme
+ Qualitätseindruck positiv
+ Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Grosser Kühler ist seitlich exponiert
- Wieder einmal Hupen statt Blinken
- Vibrationen können Sensible stören     

 

Mit Schmackes über die Ziellinie des Autodromo Mores: www.autodromosardegna.net Mit Schmackes über die Ziellinie des Autodromo Mores: www.autodromosardegna.net © Milagro
Spässchen am Berg. Spässchen am Berg. © Milagro
Edle R-Version Edle R-Version © Milagro
In vollem Ornat mit Köfferchen und Scheibe In vollem Ornat mit Köfferchen und Scheibe © Milagro
Blick in die Airbox, der Tank liegt under dem Sattel. Blick in die Airbox, der Tank liegt under dem Sattel. © Milagro
Alles oder nichts: Die Brembo-Monoblocks eignen sich besser für den Pisteneinsatz Alles oder nichts: Die Brembo-Monoblocks eignen sich besser für den Pisteneinsatz © Milagro
Karbonblende und verstellbares Öhlins-Teil der R Version. Karbonblende und verstellbares Öhlins-Teil der R Version. © Milagro
Das giftige Heck sagt: «Wo Supermoto draufsteht, ist Supermoto drin.» Das giftige Heck sagt: «Wo Supermoto draufsteht, ist Supermoto drin.» © Milagro
Die Standard Nuda verzichtet auf Öhlins-Fahrwerk und Carbon. Die Standard Nuda verzichtet auf Öhlins-Fahrwerk und Carbon. © Milagro
Die radialen Vierkolbenstopper sind für den Strasseneinsatz optimal. Die radialen Vierkolbenstopper sind für den Strasseneinsatz optimal. © Milagro
Kompaktes, wertiges und informatives Cockpit. Kompaktes, wertiges und informatives Cockpit. © Milagro