Treffer
Husqvarna Nuda 900
Eine Supermoto oder ein Naked-Bike mit Schnabel? Mit der Nuda 900 räubert die BMW-Tochter Husqvarna nun im Strassensegment.
Du bist ein Narr, bringst ein Messer an eine Schiesserei!» Dieses Filmzitat
geht mir durch den Kopf, als ich die Zielgerade des Circuito de Mores in
Sardinien
hinunterschiesse. Doch erst mal der Reihe nach.
Husqvarna zählte zu den Motorrad-Pionieren der ersten Stunde. Die schwedische Waffenfabrik, deren Emblem übrigens keine Krone, sondern eine Gewehrmündung mitsamt Kimme und Korn symbolisiert, baute bereits 1903 den ersten Töff. Anfang der 30er-Jahre entwickelten die Nordlichter einen sensationellen V-Twin-Renner mit 500 Kubik, der an der Isle of Man TT 1934 den dritten Platz erreichte, obwohl er mit leerem Tank über die Ziellinie geschoben wurde. Nach dem Krieg wuchs der Wohlstand und mit ihm die Nachfrage nach günstigen Töff.
So verkauften die Schweden kleinvolumige Zweitakter
und bald Enduros und Crosser, die sich dank ihrer Rennerfolge einen
starken Ruf sicherten. Auch die Hollywood- und Rennsportlegende Steve
McQueen war ein grosser Fan der schwedischen Crosser. 1987 kaufte die
italienische Cagiva-Gruppe die Motorrad-Division, und seit vier Jahren
steht der Brand unter deutscher Ägide und zählt zur BMW Gruppe. Das ist
eine bewegte Geschichte und dank der mächtigen Schützenhilfe aus
München ein vielversprechendes Zukunftsprojekt: Der erste Schritt ist der
Angriff auf das viermal grössere Onroad-Marktsegment. Agentin
für diese Aufgabe ist die attraktive Nuda 900 und ihre noch sportlichere
Schwester Nuda 900 R.
Vorsicht mit vorschnellen Urteilen
Obschon
die Nuda 900 drahtig wie eine Supermoto daherkommt, erkennt das kundige
Auge sofort die Teile aus dem BMW-Regal. Motor, Rahmen und Räder mitsamt
rechts liegendem Endantrieb entstammen der F-800-Baureihe. «Also eine F
800 statt eine richtige Supermoto - es lebe das Baukastensystem und das
Marketing», dachte ich mir und liess Endurohelm und Supermoto-Boots in
Erwartung an ein Naked-Bike zu Hause.
Ein Fehler. Bereits in der ersten Kurve gab die Husky zu verstehen, dass sie Hang-off-Turnübungen gar nicht schätzt. Die breite Lenkstange lässt sich noch bei 100 km/h locker-luftig drehen, die schmale Bank mit dem rutschigen Bezug sorgt dafür, dass man quasi auf dem Vorderrad sitzt und mit diesem in die Kurve hineinfällt. So eiere ich auf diesem kippligen Bock unsicher über die Piste und klammere mich an die überbreite Lenkerstange, was die Sache auch nicht besser macht. Die 900 R fährt sich wie eine stelzige Enduro. Wieder auf der Geraden, winke ich die Schnelleren - also alle - vorbei und erhoffe mir eine Erkenntis aus der Beobachtung anderer. Und diese folgt auf beeindruckende Weise: Gerhard Lindner, BMW-Testpilot, schiesst kurz vor der Haarnadel noch vorbei, streckt den Fuss raus und driftet mit viel Tamtam,
Gummifetzen und Reifenqualm lässig in die Kurve. In diesem Moment entschuldige ich mich nach Walhalla bei den italo-deutsch-schwedischen Göttern für meine Ignoranz: Die Nuda schaut nicht nur aus wie eine Supermoto, sie fährt auch so! Also packe ich sie an ihrem Gehörn und drücke sie hinunter zum Asphalt, statt wie ein Geranienkorb seitlich am Töff zu hängen. Jetzt ist der Knoten auf, und (fast) keiner überholt mich mehr. Erstaunlich, wie viel Vollgas jetzt möglich ist. Die messerscharfen Brembo-Monoblocks schnappen zu wie ein Pitbull, die sensible Sachs-Gabel und das höhenverstellbare Öhlins-Federbein liefern trotz langer Federwege klares Feedback.
Der knurrende 900er-Paralleltwin dreht jeden Gang flugs
in den Begrenzer und sorgt nach engen Kurven für lockere Stunteinlagen auf
einem Rad. Wahnsinn! Die Mundwinkel ziehen sich fast bis zu den Ohren.
Ebenfalls Sinn ergibt jetzt, dass manche Kollegen mit Supermoto-Stiefeln
und Crosshelmen unterwegs sind. Mir aber läuft unter dem Integralhelm der
Schweiss über das Gesicht, und meine schönen neuen Sidi-Stiefel werden in
jeder Kurve Schicht für Schicht dem Asphalt überlassen. Falsch gepokert,
falsch vorbereitet. Eben so wie mit dem Messer an einer Schiesserei.
Nix
für Anfänger
Das Urteil nach einem Morgen auf der Piste:
Die Nuda 900 R ist ein scharfes Gerät für den Supermoto-Piloten, der
weiss, was er tut. Sie ist aber nichts für Grobmotoriker und Unerfahrene.
Schon die digitale Vorderbremse würde solche spätestens bei der ersten
Panikbremsung zu Boden schicken. Umso skurriler erscheint nun die Aussage
des Projektleiters anlässlich der Präsentation am Vorabend: «Das Bike ist
superagil und darum gedacht für Erfahrene.» Und er ergänzte paradoxerweise
postwendend, dass «die Nuda auch für Anfänger geeignet ist». Ziemlich
widersprüchlich. So drängt sich die Vermutung auf, man behaupte einfach
alles Mögliche, um viele Einheiten zu verkaufen. Mit diesem Vorwurf
konfrontiert, reagierte der Projektleiter verständlicherweise etwas erregt
und lieferte dann aber die fehlenden Informationen nach, um meinen Vorwurf
zu entkräften.
Die Nuda 900 und die Nuda 900 R unterscheiden
sich nämlich nicht bloss oberflächlich durch bunte Teile und
Karbon-Konterfei voneinander, sondern im Konzept: Gabel und Dämpfer sind
bei der Standard-Nuda anders und führen zu einem stabileren, weniger
kippligen Lenkverhalten, denn es wirken grössere Rückstellkräfte am
Vorderrad. Die Sitzbank ist tiefer und breiter; man sitzt bequemer und
weiter hinten. Sogar der Sitzbezug ist weniger rutschig. Die
Vierkolbenstopper sprechen sanfter an, und die Übersetzung ist länger
geraten.
Es ist beeindruckend, wie sich diese wenigen, aber gezielten
Eingriffe auf das Wesen der Maschine auswirken: Sie verwandeln die zackige
Supermoto zum umgänglichen Landstrassenfeger. Wenn es sein muss (die
Münchner konnten es offenbar nicht lassen), sogar mit Köfferchen.
Wie
viel BMW steckt drin?
Doch nun zur Frage, die uns auf der Zunge brennt: Ist das eine BMW in Husky-Farben? Nein, bereits das Styling ist total eigenständig. Das straffe Monocoque-Design definiert die Nuda auf den ersten Blick als Husqvarna. Polarisieren wird sicherlich der Zwitter aus traditionellem Fender und Offroad-Schnabel. Sprüche wie «Können die nicht einmal das Schutzblech richtig herum montieren?» oder «Hilft dir der Spoiler, wenn du über 300 km/h fährst?» sind unvermeidbar, doch letztlich schaut die Nuda eigenständig aus.
Nur der im Gesichtsfeld wabbelnde Bremsflüssigkeitsbehälter, der mit seinem gelben Inhalt an eine Urinprobe erinnert, ist die einzige Reminiszenz an die F-Serie. Der Rest ist Italo-Chic, vermischt mit teutonischer Perfektion, abzulesen etwa an den geprägten Emblemen, die anstelle von schnöden Aufklebern an den Flanken prangen. Und der Motor? Wir erinnern uns: Die F 800 R begeisterte durch ihr breites Powerband und ihre erfrischende Drehfreude. Diese positiven Eigenschaften sind geblieben, doch 898 statt 798 Kubik, eine höhere Verdichtung, je um 1 mm grössere Ventile, andere Nocken und um 45 Grad versetzt laufende Kolben schenken dem fast zu perfekten 105-PS-BMW-Motor den Rock n Roll.
Im Stand brabbelt die Nuda dumpf und angriffslustig und quittiert jeden Zwick mit einem Grollen, das sich nach V2 anhört. Wie eine F 800 nach einigen Gitanes sans Filtres. Auch die Vibrationen passen zu diesem rauen Charakter, doch die sind auf Reisen eher unerwünscht, genauso wie die nervösen 5000/min bei 120 km/h. Dafür überzeugt der Twin mit sanftem Leistungseinsatz und gutmütigem, aber entschlossenem Schub durchs ganze Drehzahlband, bis der Begrenzer dem Treiben bei 8000/min ein Ende setzt.
Die Husky mit dem erotischen Namen ist eine charakterstarke Ergänzung zum Angebot der grossen Supermotos von KTM, Aprilia und Ducati. Sie räumt dank überzeugender Qualität auf mit alten Klischees und dürfte für 12 490 Franken (14 490 Franken für die «R») viele Freunde finden. Weniger Freunde dürfte Husqvarna allerdings mit deren Motto «Mistreat the Street» finden, da man diesbezüglich bei uns bekanntlich keinen Spass versteht
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Husqvarna Nuda 900
Motor und Fahrwerk Motor: Wassergekühlter Reihenzweizylinder-Viertakter, DOHC, 4 Ventile/Zyl., Bohrung×Hub 84×81 mm, Verdichtung 13; elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr-∅ 46 mm, Trockensumpf; Nasskupplung, 6 Gänge, Kette; 105 PS bei 8500/min, 100 Nm bei 7000/min Fahrwerk: Stahlrohr-Trellis-Rahmen, Sachs 48-mm-USD-Gabel, Aluschwinge mit Hebelsystem und Sachs-Dämpfer (Nuda R: Öhlins); bei «R» alles komplett einstellbar; vorne Doppelscheibenbremse, ∅ 320 mm, mit Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse, ∅ 265 mm, Einkolbenschwimmsattel. Federwege 210 mm und 180 mm, Leichtmetallgussräder 3,5-17 und 5,5-17 Zoll; Bereifung 120/70-17 und 180/55-17 Abmessungen: 13 l, Schrittbogenmass, 1910 mm, Lenkerinnenbreite 600 mm Auf den Punkt gebracht Die Nuda 900 ist eine charakterstarke Italo-Supermoto mit deutscher Technik. Wer auf die Rennpiste will, greift zur «R».
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