Die Legende
Norton Commando 961 Café Racer
Mit der Norton Commando 961 ist ein Stück Motorradgeschichte auferstanden. Wir fragen uns: Wird die Neue ihrem grossen Namen gerecht?
Norton, welch geschichtsträchtiger Name! Vor dem inneren Auge erscheinen vergilbte Fotos von wettergegerbten Kerlen in Wachskutten. Erinnerungen an eine Zeit, in der ein Töff noch nicht zur Standardausstattung des mittelständischen Haushalts zählte, sondern das Zentrum eines Lebensstils war. Einer, der jeden Tag und bei jedem Wetter gelebt wurde. Dazu passten die Musik, die Idole, die Frisuren und die rebellische, freiheitsliebende Mentalität der Nachkriegsgeneration.
Zugegeben, um hier von eigenen Erinnerungen zu berichten, bin ich zu jung. In den Neunzigern waren die Britbikes grösstenteils bereits von den Japanern verdrängt. Unsere Generation beeindruckten Vierzylinder-Sportler, die mit lautem «Zumm» am Elternauto vorbeischossen. Die GSX-R und Genesis mit ihren Käseglocken-Scheiben. Klar war der einzige Wunsch eine verschalte Zweitakt-125er mit möglichst hohem Topspeed und vielen Aufklebern. Selbstverständlich fühlte man sich damit viel cooler als der vermeintlich kreuzlahme Altrocker mit seiner Kickstart-Rochel.
Doch seither hat sich wieder einiges geändert. Tempolimits sind sakrosankt, und der moderne Töfffahrer gleicht optisch seinem Fahrlehrer. Korrekt sein ist angesagt, so wächst die Sympathie für die alten Kautabak-Gesichter. Entsprechend ehrfurchtsvoll trete ich vor die Norton Commando 961 Cafe Racer, die wiedergeborene Ikone der eingangs erwähnten Ära. Noch vor wenigen Jahren hätte ich ihr wohl wenig abgewinnen können: Ein klappernder Stossstangen-Twin mit einer Nockenwelle und mageren 80 PS. Dazu die Oldtimer-Optik mit einem sinkenden Heck, das an einen Hund erinnert, der sein Häufchen platziert.
Eine reizvolle Mischung aus Tradition und High-Tech
Doch nach Jahren der PS-Hysterie und buntem Japan-Einerlei wirkt die Britin wie ein Schluck Quellwasser nach einer durchzechten Nacht. Das ist Motorrad-Essenz: Ein Monument von einem Motor, edle Komponenten und eine gestreckte Linie in Reminiszenz an die goldenen Tage des Heldentums. Der herzförmige, rechte Gehäusedeckel scheint eins zu eins von der Commando der Siebzigerjahre übernommen. Diese war eines der letzten erfolgreichen Britbikes, bevor die Japaner den Markt überschwemmten und viele europäische Hersteller die Segel strichen, unter ihnen auch Norton.
Nachdem die Namensrechte mehrmals den Besitzer gewechselt hatten, kaufte sie der Brite Stuart Garner 2008 und eröffnete eine neue Produktionsstätte unweit des Donington Park Circuit in England, wo die drei neuen Commando-Modelle entstehen. «Die Nachfrage ist gross, es bestehen Wartefristen», bestätigt Heidi Egli. Die Tochter des Weltrekordhalters Fritz Egli organisiert den Schweizer Import. Das ist wohl kein Zufall, denn Egli verbrachte seine Jugendjahre mit britischem Metall, bevor er sich mit innovativen Rahmen-Konstruktionen für japanische Motoren einen Namen machte. Authentisch wirkte die Übergabe der Testmaschine in Bettwil: Sie fand in der ölig-düsteren Werkstatt und nicht in einem spiegelnden Verkaufsraum durch einen schlipstragenden Schwätzer statt.
Welche Ehre, ein Stück wiederauferstandene Geschichte entgegenzunehmen. Die Commando ist nicht einfach einzuordnen. Darf man sie Retro-Bike nennen, oder tut man ihr so Unrecht? Der mild verdichtete, luftgekühlte Zweiventiler fusst zwar auf dem Stand der Sechziger, jedoch ist er mit zeitgenössischem Know-how konstruiert. Er bietet elektronische Peripherie, Einspritzung und Euro3. Noch weniger retro sind die Öhlins- und Brembo-Komponenten: Sie zählen zum Nonplusultra. Sogar federleichte Karbonfelgen sind optional erhältlich. Man könnte die Commando als behutsam modernisiertes Retrobike bezeichnen, denn wie bei einer bekannten US-Marke wurde auch hier die traditionelle Mechanik durch exquisite Technologie aufgewertet, ohne das den Charakter prägende Grundkonzept anzutasten.
Ein intensives Erlebnis
Das verspricht ein authentisches Erlebnis. Der erste Augenblick im Sattel des Cafe Racers bestätigt dies. Vor einem erstreckt sich der schmale, lange Tank mit seinen ausgeprägten Kniemulden, dahinter thront die kunstvoll gefräste Gabelbrücke. Ihr nüchternes Sandstrahl-Finish setzt einen reizenden Kontrast zu den goldfarbenen Edelarmaturen. Die faserige Innenseite des kleinen Karbon-Windschildes und die nur fast perfekt eingeklebten Aluplaketten bestätigen, was auf Letzteren steht: «Handbuilt at Donington Park». Die Lenkerstummel sind ungewöhnlich tief und weit vorne angebracht. Man könnte diese weglassen und gleich nach der Gabel greifen. Das ist er nun, der Cafe Racer. Genau so fühlten sich die jungen Wilden, die sich vor 50 Jahren in Strassen-Cafés trafen, um sich auf frisierten Knatterkisten illegale Rennen zu liefern. In Anbetracht des heutigen Zeitgeists eine sehr nostalgische Vorstellung. Der nächste nostalgische Moment folgt, sobald der Starter mit mechanischem Krachen den 961-ccm-Kurzhuber in Wallung versetzt. Der Funke springt, der Twin schnaubt und spuckt und muss mit Gasstössen bei Laune gehalten werden, bis sein unregelmässiges Poltern zu einem stabilen Leerlauf übergeht. Dabei bietet er ein Konzert aus mahlenden und klapperndern Geräuschen, unterlegt vom satten Doppelbass.
Die befürchtete akustische Enttäuschung bleibt aus. Ein verschmitztes Grinsen beim Thema Auspuff lässt vermuten, dass hier eine Egli-Therapie mit im Spiel ist. Mir darf es recht sein. Zu diesem grandiosen Norton-Konzert gesellt sich das Sirren des Fünfganggetriebes, dessen Schaltvorgänge sich wuchtig anfühlen. Dafür lässt sich die Nasskupplung mit wenig Kraft fein dosieren, und wir nehmen Fahrt auf. Nach wenigen Metern lässt sich die Güte des Öhlins-Fahrwerks erfühlen. Es besitzt nicht nur einen weiten Einstellbereich, sondern benötigt ein kleines Losbrechmoment, um nachzugeben. Feinste Unebenheiten filtert es aufmerksam weg. Je länger die Fahrt dauert, desto mehr beginnt man das zu schätzen, denn statt auf dem Sitzfleisch lastet, Sitzhaltung sei Dank, das ganze Körpergewicht auf den Handgelenken und - na ja - dem primären geschlechtsspezifischen Ausstattungsmerkmal.
Auf einem unsensiblen Billigfahrwerk wäre diese Marterposition bald unerträglich, obschon sie ein ganz spezielles Gefühl aufkeimen lässt: Der Halbschalenhelm, die breite Lederjacke und das bedrohlich donnernde Britbike machen jedem klar, dass man nicht zum Spassen aufgelegt ist. So stellt sich frecherweise an der Ampel ein Stirnfransen tragender Rollertyp neben mich. Ein kleiner Gasstoss, der «Nörtu» brüllt bedrohlich, und der magere Freitag-Taschen-Träger zuckt zusammen, was mich amüsiert. Die Vorstellung, wie im England der späten Sechziger die echten Biker genau solche Typen ordentlich verprügelten, entlockt mir ein Grinsen. An diesem Punkt sehe ich in der 961 Cafe Racer das perfekte Poser-Bike: Laut, exklusiv und mit einer völlig sinnlosen, aber coolen Sitzhaltung.
Doch ich liege falsch. Der erste Landstrassenabschnitt führt zu einer weiteren Erkenntnis: Die Commando-Modelle mit hohem Rohrlenker mögen vielleicht einfacher zu fahren sein, doch das Cafe-Racer-Erlebnis ist einfach intensiver, wenn auch mit mehr Arbeit verbunden. In den Kurven muss man sich recken und strecken, am Lenker drücken und auf dem Sitz herumrutschen. Doch die Norton läuft dann wie auf Schienen. Klar, der Zweiventiler entspricht im Vergleich zu zeitgenössischen Triebwerken einem Stationärmotor. Obschon er angesichts seiner Technik erstaunlich gierig bis 8000/min kurbelt, hört er sich bei hohen Drehzahlen angestrengt an und weckt mit wachsenden Vibrationen Mitleid gegenüber den vielen Hebelchen und Rädchen in seinem Innern. Besser, man schaltet etwas früher und lässt sich von einer Drehmomentwoge auf die Gerade spülen. Und ist erstaunt darüber, wie schnell man ist. Vielleicht liegt es daran, dass man seinen Kopf so tief am vorbeifliegenden Asphalt und an der grunzenden Airbox hält. Doch egal: Es ist ein fantastisches Gefühl!
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Fazit Nur Bikes mit Charakter überleben trotz kleiner Stückzahlen, und Charakter besitzt die Commando 961 zweifelsohne. Sie überführt die marken-eigene DNA in eine zeitgenössische Form und ist damit ein würdiger Erbe. |
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Norton Commando 961 Café Racer
Motor und Fahrwerk Motor: Luftgekühlter Viertakt-Parallel-Twin, untenliegende Nockenwelle, Stossstangen, Hydrostössel, 2 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 88 × 79 mm, Verdichtung 10,1. Elektr. Einspritzung/Zündung, Trockensumpf, Nasskupplung, 5 Gänge, Kette. 80 PS bei 6500/min, 90 Nm bei 5200/min. Fahrwerk: Stahlrohrrahmen mit Öltank, 43-mm-USD-Gabel von Öhlins, komplett einstellbar, Stahlschwinge, Öhlins-Federbeine, voll einstellbar inkl. Höhe. Vorne Doppelscheibenbremse ∅ 320 mm, Vierkolben-Monoblocs, hinten Schei-benbremse ∅ 220 mm, Doppelkolbenzange. Drahtspeichen- oder Karbonräder, 3,5-17 und 5,0-17 Zoll.Bereifung 120/70-17 und 180/55-17. Abmessungen: Tankvolumen 17 l, Schrittbogenmass 1790 mm, Lenker-Innenbreite 470 mm. Auf den Punkt gebracht Eine reizvolle Mischung aus Retro- und Performance-Bike. Das Fahrgefühl
ist einzigartig und hat Suchtpotenzial. Import |
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Die Norton Geschichte Norton wurde 1898 von James Lansdowne «Pa» Norton als Hersteller von Fahrradteilen gegründet. Bereits 1902 begann Pa, Motorräder mit Einbaumotoren zu bauen, und als Rem Fowler die erste TT auf der Isle of Man mit einer Norton mit Peugeot-Motor gewann, begann der Höhenflug der Marke. Weitere internationale Rennsiege und eine solide Modellpalette sorgten dafür, dass Norton in der Zwischenkriegszeit zum grössten Motorradhersteller der Welt avancierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg revolutionierte Norton mit dem von Rex McCandless entworfenen Doppelschleifen-«Federbett»-Rahmen mit Teleskopgabel, Hinterradschwinge und zwei seitlich angebrachten Federbeinen die Fahrwerkstechnik. Mit ihm wurden die Zweizylinder-Modelle Dominator und Commando zu Legenden, vor allem in England und den USA. Doch die Krise der britischen Motorradindustrie in den 1970er-Jahren brachte auch Norton zu Fall. Die Marke wechselte mehrfach den Besitzer, versuchte sich mit Wankelmotoren, dann verschwand sie ganz. Nach weiteren Eigentümern landeten die Markenrechte bei Stuart Garner, der die zuvor vom Amerikaner Kenny Dreer konstruierte Commando 962 zur Serienreife entwickelte und sie seither im Werk in Donington Park fertigt. Imre Paulovits |
«60, das geht ja noch ...»: Edle Rundinstrumente mit dezenten und gut sichtbaren Kontroll-LEDs sowie irreführender Meilenskala.
Zum Sattsehen: Kunstvoll gefräste Gabelfüsse. Die Zwei-Finger-Brembos sind nichts für Grobmotoriker.




