| Aprilia RSV4 Factory |
Aprilia RSV4 Factory
Technischer Imperativ
Bader, der Tester unseres Schwesterblatts Moto Journal, sieht
demoralisiert aus. Nicht weniger als acht Crashs – seinen mitgezählt –
sollen die Journis heute, Freitag, in Misano fabriziert haben. Wen
wunderts? Eine Rennpiste mit Asphalt-Patchwork, massenhaft Gummiabrieb,
anhaltender Regen und die athletischen 180 PS, welche die brandneue und
nicht nur von Aprilia-Fans sehnlichst erwartete Aprilia RSV4 in der
Konfiguration Factory von sich gibt.
Samstagmorgen – der letzte
Tag des Press-Launchs. Mit von der Partie: Der Unterzeichnende. Die
Wolken haben sich aufgelöst, der «Corriere» verspricht einen sonnigen
Frühlingstag. Eins, zwei, drei, los? Nein! Einer Maschine vom Format
einer RSV4 Factory muss zunächst Respekt und Ehre gezollt werden, ehe
man ihr die Sporen gibt. Und zwar indem wir kurz das in Anbetracht der
zähnefletschenden Konkurrenz in diesem Segment äusserst wagemutige und
mit einem Entwicklungsbudget von 25 Millionen Euro alles andere als
geizige Projekt würdigen.
Die RSV4 ist nicht nur das teuerste,
sondern auch das aufwändigste Serien-Bike, das je in Noale gebaut
wurde. Noch nie hat die Entwicklungsabteilung so eng mit der überaus
erfahrenen Rennabteilung (33 GP-WM-Titel), zusammengearbeitet. Mit der
seligen RSV Mille hat die Neue mit Ausnahme weniger Designelemente denn
auch nichts mehr am Hut. Nur noch das von Star-Zeichner Miguel Galluzzi
im Windkanal entwickelte RSV4-Kleid ist als Hommage an die Mille zu
verstehen.
Kontrollierbare Power à discrétion
Nach
vier Jahren Entwicklungszeit steht ein äusserst kompaktes Superbike mit
Hightech-V4-Motor (siehe Kasten rechts) in der Pit-Lane, das eher an
eine Supersportlerin als an ein Superbike erinnert. Der Verdacht
bestätigt sich im Moment, in dem ich mich auf meinem heutigen
Arbeitsplatz einrichte. Der Kniewinkel fällt sehr eng aus. Ansonsten
finde ich mich nicht etwa eingepfercht, sondern in einer harmonisch
sportlichen Sitzposition mit einer durchaus vertretbaren Belastung der
Handgelenke wieder. Das Sitzpolster ist nicht übertrieben hart – der
Knieschluss passt. Allerdings liegt eine nicht unwesentliche Spreizung
der Schenkel vor. Die Airbox lässt grüssen.
Auf zum Tanz! Die
Piste ist teilweise noch nass, also wähle ich bei den drei am Lenker
wählbaren Mappings das mittlere «Sport»-Programm. Die Factory wummert
ungeduldig ihr dumpfes V4-Hämmern in die Boxengasse, der Marshall hebt
die grüne Flagge – Gas!
Die Italienerin drückt mit
beeindruckender Vehemenz aus den tiefsten Tiefen des Drehzahlkellers ab
und spult die einzelnen 1000er-Marken im Analog-Drehzahlmesser ruck,
zuck ab. So rattert der Tausender-V4 schon sehr bald im bei 13 500/min
hart einsetzenden Begrenzer, was jedoch auf die beflügelnde Drehfreude
des mit einem immensen nutzbaren Drehzahlband aufwartenden Kraftwürfels
zurückzuführen ist. Die RSV4 – ein Katapult sondergleichen, das
vorbildlich linear und dadurch fast schon etwas unspektakulär
hochdreht. Kein Loch, keine sprunghafte Leistungszunahme. Auch nicht
bei 10 000/min, wo zwecks besserer Füllung die oberen Ansaugtrichter
von den unteren abgetrennt werden. Erstes Fazit: Kraftstrotzend, aber
linear und durchaus kontrollierbar.
Im scharfen «Track»-Modus –
wir empfehlen ihn nur erfahrenen Piloten – liefert die RSV4 zwischen
5000 und 9000/min deutlich mehr Punch, doch geht sie obenraus auch
spürbar härter und mit leichter Verzögerung ans Gas. Wer das nötige
Feingefühl mitbringt, wird sich an dieses etwas eigenwillige
Ansprechverhalten des in den anderen Modi ohne Makel arbeitenden
Ride-by-wire gewöhnen. Doch seid unberuhigt, liebe RSV4-Fans: Schon im
«Sport»-Modus lassen sich mehr als anständige Rundenzeiten auf den
Asphalt brennen. Hier in Misano dürfte man mit diesem Mapping gar
schneller unterwegs sein, zumal einem im «Sport»-Modus weniger
Konzentration abverlangt wird. So wird Hirnkapazität frei, mit der ich
mich am einzigartigen Sound des V4 ergötze: Dumpf und brodelnd im
unteren und fauchig röhrend im oberen Drehzahlbereich. Schlicht
göttlich ist das Geballere des wuchtigen Auspuffdämpfers, wenn beim
Anbremsen gleich mehrere Stufen des übrigens makellos und knackig
werkelnden Getriebes runtergesteppt werden. Die sauber regelnde und
angesichts der ausgeprägten Motorbremse des V4 durchaus willkommene
Rutschkupplung trägt ihren stabilisierenden Teil zum schnell
eintretenden Flow-Erlebnis bei.
Aprilia hat mit dem V4 einen
begeisternden Antrieb gebaut, der sich nicht eine Sekunde vor der
gestählten Superbike-Konkurrenz zu verstecken braucht. Einziger
Wermutstropfen: Das Fehlen einer angesichts der 180-PS-Potenz das Gemüt
beruhigenden Traktionskontrolle.
Noale ist zurück... und wie!
Aprilia
gehört zu den Meistern des Fahrwerkbaus. Logisch, dass Noale diesen Ruf
mit der RSV4 festigen will. Der Alu-Brückenrahmen gehört zum Schönsten,
was die Töffwelt je gesehen hat. Dasselbe gilt für die Bananenschwinge,
die sich über ein voll einstellbares Öhlins-Federbein abstützt.
Derselbe Hersteller liefert die 43-mm-Gabel und den Lenkungsdämpfer.
Eine äusserst seltene technische Delikatesse stellt die variable
Positionierung des Motors im Rahmen dar. Durch das Tauschen von
Einsätzen (Inlets), die in einem Racing-Kit verfügbar sein werden, kann
der Motor 10 mm weiter nach unten gebracht werden. Ebenfalls via Inlets
können der Lenkkopfwinkel und die Höhe des Schwingendrehpunkts
individualisiert werden.
Was sich so prickelnd anhört,
funktioniert auch in der Praxis … und wie! Die trocken 179 kg leichte
RSV4 schneidet mit fast schon unverschämter Präzision durch
Highspeed-Kurven und enge Schikanen, liegt dabei stabil wie die ISS im
Orbit und vermittelt ein transparentes Feedback sowie ein astreines
Gefühl für die Traktion am 190er-Pirelli Supercorsa SP. Einlenken geht
ohne nennenswerten Kraftaufwand vonstatten, und auch auf der Bremse
lässt sich die RSV4 nicht aus der Ruhe bringen. Dass Aprilia gute
Fahrwerke baut, wussten wir. Dass die RSV4 reelle Chancen hat, punkto
Fahrwerk als neue Referenz durchzugehen, war dagegen nicht zu erwarten.
Die
Ethik und die Philosophie befassen sich mit dem Begriff des
«technischen Imperativs». Einer Maxime, die vorsieht, dass beim Handeln
keine technischen Möglichkeiten ungenutzt bleiben sollen. Im Falle der
Factory hat sich Aprilia akribisch an dieses Handlungsgerüst gehalten.
Eine Ausnahme bildet die fehlende Traktionskontrolle, die jedoch schon
bald kommen wird.