Sanfter Highlander
Triumph Sprint GT
Sprint GT: Die britische Interpretation des sportlichen Reisens. Unterwegs in Schottland machen wir uns eine eigene Meinung.
«Die müssen überzeugt sein von ihrem Bike», denke ich mir. Warum? Nun, die Hersteller wollen von ihren Neuheiten verständlicherweise nur Positives lesen. So haben wir an Pressevorstellungen nur selten die Gelegenheit, ein Bike wirklich ausgiebig zu fahren. Oder wir werden auf die Kanaren geflogen. Das versetzt einen wegen der Urlaubsatmosphäre in eine positive Grundstimmung, und die von der EU gesponserten, spiegelglatten Strassen lassen jedes Fahrwerk im besten Licht erscheinen. Umso erstaunlicher, dass Triumph im Rahmen der Lancierung der GT zum zweitägigen Trip durch die schottischen Highlands einlädt. Die offizielle Erklärung: «Die neue Sprint GT soll so getestet werden, wie sie später eingesetzt wird: auf ausgedehnter und zügiger Fahrt durch unterschiedliche Umgebungen.» Das karge Keltenland bietet hierfür ideale Voraussetzungen: Weitläufige Ebenen erstrecken sich zwischen sanft ansteigenden Hügeln, dazwischen spannt sich ein mit dramatischen Wolkenformationen durchzogener Himmel. Gewundene Strassen folgen dem bewegten Terrain und erzeugen durch zahlreiche Erhebungen und Senken stellenweise das Gefühl, einer Achterbahn zu folgen. Hinzu kommt das raue und wechselhafte Klima, das einem innerhalb weniger Kilometer alle vier Jahreszeiten bescheren kann.
Heute zeigt sich die hier aussergewöhnlich mächtige Natur
von ihrer freundlichen Seite und beschert uns beim Start im Käffchen Inveraray
einen Sonnentag. Meine Regenkombi verliert sich in der Tiefe des 31 Liter
fassenden Seitenkoffers, der von aussen erstaunlich kompakt wirkt. Mich
irritiert die Befestigung, doch die muss so sein: Eine Stossstange verbindet
die um die Längsachse beweglich montierten Koffer und lässt diese synchron und
unabhängig vom Motorrad pendeln. Bei hohen Tempi verhindert dieses von Triumph
entwickelte System die Übertragung fieser Schwingungen. Sehr schön: Die
Anbauten hinterlassen nach der Demontage keine hässlichen Träger-Gestelle am
Heck. In die Frontverkleidung ist ein kleines Staufach integriert. Leider ist
dieses nicht einhändig bedienbar, denn der Deckel hängt nach dem Öffnen am
Schlüssel. Wer mehr Ladekapazität braucht, greift zum Topcase (55 l, Fr. 834.–)
mit integrierter 12-V-Steckdose. Damit kriegt man 117 Liter zusammen, was das
gediegene Reisen mit Begleitung begünstigt. Der Sozius schätzt im Vergleich zum
seit 2005 gebauten Schwestermodell Sprint ST, das sich von der GT vorwiegend im
Heckbereich unterscheidet, die flachere Sitzbank und die bequemer
positionierten Rasten. Für das neue Gepäck- und Sitzbanklayout musste die
prominente Underseat-Anlage mit Orgelpfeifen-
optik der ST einem konventionell seitlich montierten Pendant weichen.
Domino im technischen Layout
Der Passagier schätzt den dank der tiefgezogenen Anlage nun
angenehmer temperierten Intimbereich, das Handling profitiert vom tieferen
Schwerpunkt, und zum Image passt der gegenüber dem Drillingsgeschütz weniger
krawallige Auftritt. Das solider konstruierte Rahmenheck trägt der möglichen
Mehrbelastung Rechnung und beteiligt sich am Mehrgewicht von insgesamt 26 kg im
Vergleich zur sportlicher positionierten Schwester ST, die übrigens von der GT
abgelöst wird. Die neue Gewichtsverteilung erfordert wiederum eine modifizierte
Fahrwerksgeometrie: Mittels längerer Einarmschwinge wurde der Radstand um 108 mm gestreckt und
beträgt neu 1565 mm.
Die 268 kg
des frisch gebackenen Sporttourers (fahrbereit) sind im Klassenvergleich ein
ordentlicher Wert. Der mechanisch unveränderte Reihen-Dreizylinder mit gesunden
1050 ccm schickt dank neuer ECU jetzt 130 PS zur Kupplung (ST: 125 PS). Das um 5 Nm angehobene
Drehmomentmaximum von 108 Nm steht jetzt 1200 Umdrehungen tiefer, nämlich schon bei
6300/min, an.
Wie sich das anfühlt?
Diese Leistungsangaben mögen angesichts der imposanten Daten
der Konkurrenz (BMW K 1300 S: 175 PS, Honda
VFR 1200: 172 PS) beschaulich wirken, zeigen aber auf beeindruckende Weise den
Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Dort kommt nämlich selten der Wunsch
nach noch mehr Kraft auf. Auf dem schnurgeraden, übersichtlichen Damm durch die
an mir vorbeifliegende Moorlandschaft lasse ich die GT von der Leine. Es ist
nicht einfach, die sich optisch zunehmend verjüngende Strasse und den Tacho
gleichzeitig im Blick zu behalten. Das Umrechnen von mph in km/h ist der
Informationstransparenz auch nicht zuträglich. Immerhin machen die nach weniger
klingenden mph sorgloser, was mithin demonstriert, dass die Bewertung von
Geschwindigkeiten viel mit Psychologie zu tun hat. Der erstaunlich hoch
verdichtete Vierventiler (12:1) liefert spontan, aber nie bissig Schub ab
4000/min, sodass man nie den falschen Gang eingelegt hat. Der kernig brummende
und im Schiebebetrieb herzerfrischend brabbelnde Drilling unterstützt das
Gefühl von bäriger Kraft, ohne je ungestüm zu werden. Noch bei 100 mph wird
lässig an anderen, subjektiv stationär wirkenden Verkehrspartnern
vorbeigezappt, was in Schottland offenbar noch ohne den leidigen Anblick
zorniger Lichthupesalven in den bei der GT vibrationsfreien Spiegeln möglich
ist. Dabei geniesst man den subtilen Leistungszuwachs ab 6500/min, der auch den
oberen Bereich der Drehzahlbands – abgeriegelt wird bei 10 000/min –
interessant macht. Das Getriebe schaltet sich präzise und dank üppiger
Schaltwege etwas wuchtig, manchmal mit dem satten «Chlapf» einer zugeworfenen
Autotür. Mir gefällt das. Dazu passten auch die strenge Seilzugkupplung und die
Vierfingerbremse. Auch das sensible ABS und die hintere Bremse arbeiten
vorbildlich, was insgesamt Vertrauen in das flotte Vorankommen vermittelt.
Ein Gentleman geniesst
Die Britin ist trotz ihrer sportlichen Ambitionen kein Zappelgerät,
sondern ein Bike fürs Langgezogene. Das teilt einem vor allem ihr Fahrwerk mit,
das von den Unebenheiten der geschundenen schottischen Strassen so wenig an den
Steiss weiterreicht, dass die Kennenlernphase von einem mulmigen Gefühl der
Intransparenz begleitet wird. Dies erweist sich bald als unbegründet, denn die
GT zickt nie. Sie klappt weder ein, noch stellt sie sich beim Bremsen auf. Und
sie läuft ordentlich geradeaus trotz Koffern und heftigen Windböen auf der Isle
of Skye. Solch schwebenden Komfort habe ich bisher nur auf elefantösen
Grosstourern erlebt. Unterstützt wird dieser Eindruck von der trotz des
konservativ weit vorne angebrachten Lenkers entspannten Sitzhaltung mit
angenehm schmalem Tank (Dreizylinder). Klar, ist ein dermassen sanftes Fahrwerk
bei entschieden sportlicher Fahrt in Rührung zu versetzen. Wem das Heck zu
schnell nachgibt, der kann via Handrad hinten die Federbasis justieren.
Wiederum auf der sportlichen Seite einzuordnen ist die mit derjenigen der ST identische Verkleidung. Sie bildet einen Vorsprung vor den Knien aus, die Scheibe entlastet den Oberkörper und leitet den Wind auf Helmhöhe ab. Die Hände sind weitgehend ungeschützt, was die optionalen Heizgriffe (Fr. 239.–) für Alljahresfahrer interessant macht. Mit dem Vollschutz eines Tourers ist das nicht vergleichbar. Nicht zufällig setzt sich das Cockpit aus drei Uhren zusammen. Tempo und Drehzahl werden analog dargestellt, rechts zeigt ein Display allerlei Wissenswertes an: Fahrzeit, -distanz, Rest-reichweite, Momentan- und Durchschnittsverbrauch, Höchst- sowie Durchschnittstempo lassen sich aufrufen. Leider direkt am Instrument statt am Lenker. Eine Gang-, eine Temperaturanzeige und ein Pannenblinker würden die Ausstattung komplettieren.
Die ursprüngliche Idee des Gran Turismo ist ein Fahrzeug für Langstreckenrennen. Das heisst, auf Komfort wird nicht ganz verzichtet, doch Performance hat Priorität. Die Sprint GT verfolgt dieses Konzept als Sporttourer, einzig das Fahrwerk liegt mehr in Richtung Komfort. Die angriffige Kopfschale mit neu strenger geschnittenem Schweinwerfer würde auch einem Sportler gut stehen und hat jetzt eine bessere Lichtausbeute.
Gute Startposition
Trotz
tadellosem Eindruck waren im Detail noch Kleinigkeiten zu entdecken:
Flugroststellen an einigen Bremsscheiben sind zwar unproblematisch, aber auch
unschön, genauso wie über die Gabelbrücke geführte Gaszüge. Mit ihrer schlanken
Silhouette erinnert die Sprint GT
an eine Jaguar-Limousine: Sie wirkt athletisch im Vergleich zur Konkurrenz.
Letztere ist zwar leistungsstärker und im Detail etwas penibler verarbeitet
(VFR 1200: Fr. 22 540.–,
K 1300 S: Fr. 23 300.–, beide ohne Koffer). Mit
einem Preis von 19 640
Franken (inkl. Koffer) geht die Sprint GT aber sehr gut ins Rennen, und der
Leistungsunterschied ist in der Praxis vernachlässigbar.






