Kawasaki ZX-10R
Der Feinschliff
Stock steht für Lagerbestand. Folglich ist Superstock eine Rennserie, bei der ausschliesslich Fahrzeuge zugelassen sind, die in den Lagerhallen der Hersteller auf den Versand an Normalo-Endkunden warten, im Wesentlichen also der Serie entsprechen. Man spricht auch von einer seriennahen Rennklasse.
Nun haben wir uns gefragt, was rauszuholen ist, wenn ein Tuner – wie vom Superstock-Reglement vorgeschrieben – nur an ganz wenigen Fronten, nämlich bei der Elektronik, an den Innereien der Gabel, am Federbein und bei der Auspuffanlage, ernsthaft intervenieren kann. Sind im Fahrbetrieb bei einem Superstock-Töff gegenüber der Serie überhaupt Unterschiede auszumachen? Anders ausgedrückt: Ist bei neuzeitlichen Sporttöff am Marketing-geschwängerten Sprichwort «von der Kiste auf die Piste» tatsächlich was dran? Die Antwort auf diese Frage fanden wir auf dem Hockenheimring. Ja, es gibt Unterschiede, ganz eindeutige sogar.
Novizen und Cracks vereint
Vor dem Hintergrund der immer grösseren
Nachfrage nach freien Rundstreckentrainings hatte sich der Schweizer
Kawasaki-Importeur auch dieses Jahr wieder für ein volles
August-Wochenende auf dem Hockenheimring eingemietet. Und wieder
folgten Hunderte Schweizer Kawasaki-Piloten sowie Lenker von
Fremdmarken dem verlockenden Ruf. Darunter Pistennovizen,
Gelegenheitstäter, Routiniers, aber auch die richtig schnellen
Cracks des ASR Kawasaki Racing Teams, welche in verschiedenen
Kategorien die Strassen-Schweizer-Meisterschaft bestreiten. Bei den
Superstock 1000 ballerten 2008 die ASR-Piloten Rico Steinemann und
Lorenz Sennhauser mit. Und genau die (übrigens baugleichen) Töff
dieser beiden Herren nahm TÖFF zusammen mit einer Serien-ZX-10R
als Referenz in Hockenheim unter die Lupe. Doch bevor wir auf der
Asphalt-Endlosschlaufe Baden-Württembergs unseren Vergleich
antreten, gilt es, die ASR Kawasaki ZX-10R von der technischen Seite
her etwas genauer zu beleuchten.
Darfst du, darfst du nicht …
Scheinwerfer, Rückspiegel,
Rückleuchte, Soziussitz und ähnliche Bauteile, die der
Strassen-Homologation dienen, haben das Zeitliche gesegnet, und
anstelle der Serien- kommen Rennschalen zum Einsatz. Bei den Reifen –
auch sie müssen für die öffentliche Strasse zugelassen
sein – setzt das ASR-Team den Sportmax D 211 GP von Dunlop ein.
Während der Alu-Brückenrahmen, die Schwinge, die Räder
und die Bremssättel von der Serie übernommen werden
mussten, durften Bremsleitungen, Lenkerstummel, Fussrastenanlagen
(ASR-Eigenkonstruktion) sowie ein Ketten-Ritzel-Satz aus dem
Rennsport verschraubt werden. Die Federelemente – eine Domäne
von Teamchef und Fahrwerksspezialist Adi Schwegler – müssen
vorne, was die «Hardware» betrifft, im Originalzustand
bleiben. Lediglich an den Gabeleinsätzen hat der mehrfache
Schweizer Meister optimierend Hand anlegen dürfen. Das
Serien-Federbein dagegen wurde durch ein Pendant von Hersteller
Öhlins ersetzt.
Die Motoren sind baulich original und mit dem Serien-Anlasser versehen. Änderungen gab es lediglich bei den Nockenwellen, deren Steuerzeiten jedoch nur leicht modifiziert werden mussten, zumal die 4-in-1-Anlage von Bodis für den Originalmotor optimiert wurde. Zudem wurde die Zylinderkopfdichtung im Interesse einer höheren Verdichtung an der ASR Kawasaki ZX-10R von Lorenz Sennhauser etwas dünner gewählt.
Weit mehr Spielraum haben die Superstock-Teams bei der Elektronik, um die sich bei ASR mit Jakob Wipf eine Schweizer Tuner-Koryphäe kümmert. Der Zürcher war in den 90er-Jahren sowohl in der Deutschen Superbike-Meisterschaft als auch in der Superbike-WM aktiv und programmierte da die Elektronik an den Bikes von Jochen Schmid beziehungsweise Scott Russell und Akira Yanagawa. Den ASR-Töff wurden Kit-Zündboxen implementiert, denen Wipf einen zusätzlichen Feinschliff verpasst hat. Sie arbeiten übrigens eng mit den Schaltautomaten zusammen, deren Mechanik eine ASR-Entwicklung darstellt. Darüber hinaus ermittelt ein Wide-Band-Commander die Lambda-Werte zur Optimierung der Verbrennung. Dann gibt’s da noch Wipfs «Geheimwaffe»: Über einen an den linken Lenkerinstrumenten verschraubten Drehknopf können die ASR-Piloten bei Bedarf zusätzliche Spitzenleistung abrufen. Was technisch dahintersteckt, will Wipf freilich nicht verraten … Unter dem Strich liegen laut Schwegler am Hinterrad bis zu 195 PS an, am Motor über 200.
Bessere Ausbeute, mehr Knall
Nach einigen Turns auf der
Serien-ZX-10R schwinge ich mich auf die merklich frontlastigere
ASR-Kawa. Der Knall, den dieser Renner bei markerschütterndem
Vierzylinder-Heulen aus den 998 ccm Hubraum mobilisiert, ist schlicht
astronomisch, und du kommst dir vor, als würdest du
festgeschnallt auf einem Kometen mit grünem Schweif von einer
Kurve zur nächsten geschmettert. Und obschon ab 5000/min bis in
den Begrenzer im tiefroten Drehzahlbereich durchs Band deutlich mehr
Druck ansteht, lässt sich die Verwandtschaft zum
Serien-Reihenvierer nicht von der Hand weisen. Beim ASR-Renner hast
du einfach mehr Mumm, die Power auszureizen, was – wie wir später
sehen werden – am exquisiten Fahrwerk liegt. Ein weiterer
deutlicher Pluspunkt der ASR-10er ist die dank Wipfs fürsorglichen
Eingriffen um Welten geschmeidigere Gasannahme. «Genau das, was
man bei einer solchen PS-Keule in den zuweilen sehr engen Kehren des
Hockenheimrings braucht», denke ich mir, bevor ich die Grüne
am Kurvenausgang rasch in die Vertikale dirigiere, um mit einem
beherzten Gasstoss die lästigen 600er-Supersportler in den
imaginären Rückspiegel der ASR-Kawa zu verbannen. Toll auch
der Schaltautomat am übrigens konventionell geschalteten
Getriebe (1. unten). Ein zackiger Impuls mit dem linken Fuss genügt,
um (freilich ohne das Gas zu schliessen oder die Kupplung zu
betätigen) in 70 Millisekunden die nächste Gangstufe
einzulegen. Keine Unruhe im Gebälk und dadurch mehr
Hirnkapazität für Überholmanöver. Hervorragend
ist schliesslich die von der Serie übernommene Rutschkupplung.
Eher gewöhnungsbedürftig dagegen die starke Abwärme
vom Auspuffkrümmer am rechten Fuss, die Sennhauser und
Steinemann allerdings keine Mühe bereitet.
Tranchiermesser oder Skalpell?
Es mag verwirrend klingen, aber die
ASR-Kawasaki lässt sich trotz Mehrleistung und deaktiviertem
elektronischem Regelsystem KIMS – die milde Form einer
Traktionskontrolle an der Serie – einfacher am Limit bewegen als
das Original, was klar auf das vorbildlich transparente Fahrwerk
zurückzuführen ist. Du weisst genau über die
Grip-Reserven Bescheid – vorne wie hinten –, was auch von der
bekanntermassen harten Karkasse der Dunlop-Gummis herrührt.
Zudem ist der ASR-Renner deutlich handlicher – wiederum ein
Verdienst der Reifen und natürlich ganz speziell der massiven
Abspeck-Kur um satte 22 Kilo. Man darf dabei allerdings nicht
vergessen, dass schon die Serien-ZX-10R beim Handling begeistert. Für
den ASR-Renner, der sich diesbezüglich schon sehr nah an einer
600er bewegt, also eine tolle Basis. Nur bei der Stabilität
liegt die Pirelli-besohlte Serie, welche Unebenheiten in Schräglage
gütigst wegbügelt, leicht vor dem ASR-Bike. Womit bei den
Dunlop-Reifen auch schon die Kehrseite der Medaille angesprochen wäre
(siehe Kasten Seite 41).
Bleiben die Bremsen: Bei beiden Töff gleich, bei beiden Töff brillant. Da passt einfach alles: klirrender Druckpunkt, Pipetten-Dosierbarkeit, Orkanartige Verzögerung. Ohne Frage eine der besten Sportbremsen, die der Serien-Markt derzeit zu bieten hat. Allerdings empfiehlt sich für den Rennstreckenbetrieb ein Stahlflex-Umbau wie an der ASR-Kawasaki. Denn während ihr Druckpunkt stets konstant an Ort und Stelle bleibt, ist jener an der Serie am Ende eines flotten Turns doch ein bisschen nach hinten gewandert.
Den Feinschliff verpasst
Wer behauptet, ein Superstock-SM-Renner
und das Original aus der Serie wären fahrerisch sehr nah
beieinander, hat weit gefehlt. Freilich dürften zwischen einem
Superstock-SM-Töff und einem Pendant aus der IDM oder der
Superstock-WM noch einmal Welten liegen. Dennoch sind wir erstaunt,
wie viel mit «verhältnismässig kleinen Eingriffen»
herauszuholen ist. So können wir die ASR-Kawasaki
zusammenfassend als die fein geschliffene, massiv abgespeckte, durchs
Band präzisere und dadurch deutlich unbeschwerter fahrbare
Variante der schon sehr gelungenen Serien-Zehner bezeichnen. Und: Ja,
man kann mit der Kawasaki ZX-10R problemlos «von der Kiste auf
die Piste» inklusive zünftigem Spasspotenzial. Doch wer
ernsthaft mit dem Gedanken spielt, regelmässig mit seiner ZX-10R
die Pisten dieser Welt unsicher zu machen, der sollte auf jeden Fall
den einen oder anderen Franken in Tuning-Massnahmen investieren. Denn
so viel steht fest: Bei diesem oder vergleichbaren
Rennstrecken-orientierten Sportbikes ist schon mit verhältnismässig
wenig Geld eine ganze Menge zusätzlicher Fahrspass
herauszuholen.
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Kawasaki Ninja ZX-10R Motor: Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, DOHC (Kette), 4 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 76 u 55 mm, 998 ccm, Verdichtung 12,9. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr x 43 mm. Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 188 PS bei 12 500/min, 113 Nm bei 8700/min. Fahrwerk: Brückenrahmen aus Alu, 43-mm-USD-Gabel, voll einstellbar, Zentralfederbein mit Umlenkung, voll einstellbar, Federwege 120/125 mm. Vorn Doppelscheibe, x 310 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheibe, x 220 mm, Zweikolbenzange, Aluräder 3,5-17 und 6,0-17 Zoll. Bereifung 120/70-17 und 190/55-17. Abmessungen: Radstand 1415 mm, Lenkkopfwinkel 64,5°, Nachlauf 110 mm, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht trocken/voll 179/208 kg, Tank 17 l. Preis: Fr. 20 590.–, lieferbar ab sofort in Grün, Schwarz oder Orange. Import: FIBAG AG, Lischmatt 17, 4624 Härkingen.Tel. 062 285 62 00, www.kawasaki.ch |
ASR Kawasaki Ninja ZX-10R Motor: Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, DOHC (Kette), 4 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 76 u 55 mm, 998 ccm, Verdichtung 12,9. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr x 43 mm. Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 200 PS bei 13 500/min, 120 Nm bei 9000/min. Fahrwerk: Brückenrahmen aus Alu, 43-mm-USD-Gabel, voll einstellbar, Zentralfederbein (Öhlins TTX36) mit Umlenkung, voll einstellbar, Federwege 120/125 mm. Vorn Doppelscheibe, x 310 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheibe, x 220 mm, Zweikolbenzange, Aluräder 3,5-17 und 6,0-17 Zoll. Bereifung 120/70-17 und 200/55-17. Abmessungen: Radst. 1405 bis 1430 mm, Lenkkw. 64,5°, Nachl. 104 bis 110 mm, Sitzh. 830 mm, Gewicht voll 186 kg, Tank 17 l. Preis: Die ASR-Kawasaki ZX-10R hat einen Neuwert von zirka 34 000 Franken. Tuner: ASR Racing, Hauptstr. 24, 5524 Niederwil. Tel. 079 431 97 22, www.asr-racing.ch |
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ASR Kawasaki Racing Team Gegründet wurde das ASR Kawasaki Racing Team vom erfolgreichen Schweizer Rennfahrer Adrian «Adi» Schwegler im Jahr 1998. Der gebürtige Aargauer und ursprüngliche Landmaschinenmechaniker (darum kleidet er sich heute noch vorzugsweise in Grün) bestritt sein erstes Rennen anno 1992. Schwegler ist Teamchef, Teambesitzer, Motor- und Fahrwerks-Tuner, Entwickler sowie fahrtechnischer und strategischer Berater seiner Piloten. Und der bodenständige Haudegen hat in seiner Laufbahn schon einiges erreicht. So wurden Piloten wie Roman Stamm, der heute in der IDM ganz vorne mitmischt, und der letztjährige Superstock-1000-Schweizer-Meister Thomas Flückiger bei ihm gross. 2008 ist das ASR-Team mit jeweils zwei Fahrern in der Superstock-600- und der Superstock-1000-Klasse angetreten. Während bei den 600ern die Piloten Dominik Plüss und Pascal Nadalet im Endklassement die für Schwegler zufriedenstellenden Plätze 3 respektive 6 belegten, hätte es bei den Superstock-1000-Piloten Rico Steinemann (5.) und Lorenz Sennhauser (7.) besser laufen können. Pech in aussichtsreichen Positionen sowie Grip- bzw. Chattering-Probleme vereitelten bessere Schlussklassierungen. Das Leistungspotenzial der Kawasaki ZX-10R konnte nur selten voll ausgespielt werden, weil dem Team wichtige Informationen um die Dunlop-Reifenmischungen erst gegen Ende der Saison zugespielt wurden. Adi Schwegler wird 2009 mit seinem Team erneut in der Strassen-Schweizer-Meisterschaft antreten. |
Die ASR-Kawasaki ist klar ein seriennahes Rennbike,aber dennoch deutlich leichter, handlicher und vor allem transparenter als die Serien-ZX-10R.
Cockpit der ASR-ZX-10R: Kein Zündschloss, dafür ein Schalter um das Data-Recording zu starten
Meilenweit ausenander und doch sehr ähnlich. Serien-ZX-10R und die abgespeckte, optimierte ASR-ZX-10R














