125er Vergleich

Der letzte Aufstand

Von Daniele Carrozza
19.05.2010 16:55:29
In den 1990er-Jahren gab es für Roadracing-affine Teenager nur zwei echte Alternativen: Die Aprilia RS und die Cagiva Mito. Was ist aus den kleinen Zweitakt-Rennern geworden?

Wahrscheinlich gehören auch Sie zu den Motorradfahrern, deren Karriere am «Tag des Donners» im Sattel einer 125er begonnen hat. Denn bis 2003, als sich mit der neuen Führerscheinregelung der grosse Paradigmenwechsel vollzog, führte für den Einstieg in die Welt der vernünftig motorisierten Zweiräder kein Weg an den Achtelliter-Sackgeldverdampfern vorbei. Der Startschuss erfolgte idealerweise mit 18, damit man zwei Jahre später mit 20 Jahren auf eine «Grosse» umsatteln durfte. Doch sehr viele von uns waren in besagtem Alter noch in Ausbildung und nagten am Hungertuch, was das Leben mit bestenfalls 30 PS empfindlich verlängerte.

Fast überall in Europa (ausser natürlich in der Schweiz) durfte man bereits mit 16 eine 125er pilotieren, und so war auch das Angebot im seinerzeit boomenden Segment – damals so gut wie ausschliesslich Zweitakter – sehr breit. Und wer in jenen glorreichen Tagen der Überwindung der jugendlichen Mobilitäts-Ohnmacht dem Roadracing-Virus verfallen war und etwas auf sich hielt, hatte eine schwere Wahl zu treffen: Aprilia RS oder Cagiva Mito. Freilich bauten auch andere Hersteller sportliche Zweitakt-125er, doch die hatten hinten jeweils höchstens einen 130er-Gummi montiert. Zu wenig für einen Teenager, dessen Hormone verrückt spielen. Und so wälzten wir schon mit 14 Prospekte, lernten technische Daten auswendig, stellten zum Scheitern verurteilte Finanzierungspläne auf und sahen uns bis zum grossen Tag der Sparschwein-Schlachtung mit feuchten Träumen konfrontiert.

Die Glaubensfrage
RS oder Mito? Was nach einer einfachen Frage klingt, war in Tat und Wahrheit eine Frage der Weltanschauung – eine Frage des Glaubens. Der Disput sah auf der einen Seite die zahlenmässig wohl überlegenen Aprilia-RS-Anhänger und auf der anderen Seite der Demarkationslinie die radikalen Cagiva-Mito-Jünger. Man hasste sich wie der Teufel das Weihwasser und nutzte nicht nur verbal, sondern auch auf der Pirsch jede Gelegenheit, die Dissidenten möglichst demütigend zu karbonisieren. So räkelt sich noch heute die Legende, in Zürich hätten damals einige linientreue RS-Anhänger regelmässig ein Quartier mit hoher Mito-Dichte aufgesucht, um den «Locals» aufzulauern.

Mit der Einführung der neuen Führerscheinregelung mit der Kategorie «A beschränkt» und dem Inkrafttreten von Euro3 wurde den Zweitakt-125ern hierzulande der Todesstoss verpasst – das Segment ist ernsthaft vom Aussterben bedroht. Die Hitzköpfe von damals haben ihre Kisten längst verkauft und donnern mit dicken Viertaktern durch die Lande. Dennoch würden sie noch heute schwören, dass ihr damaliges Bike dem Opponenten in jeder Hinsicht um Längen voraus war.

Wie es der Zufall nun will, sitzen in der TÖFF-Redaktion mit dem Schreibenden und David Basler zwei Gestalten, die ihre Sporen auf der Mito abverdient haben. Im Redaktionsbüro nebenan intrigiert fleissig Aprilia-Parteimann Simon Haltiner. Und weil wir mit unseren verbalen Schlagabtauschen auch heute noch allen in der Redaktion und Produktion zünftig auf den Senkel gehen, haben wir beschlossen, die Frage, ob nun die RS oder die Mito Trumpf ist, ein für allemal zu klären: In einem Vergleich der etwas besonderen Art, wo es nicht nur um real messbare Fakten, sondern eben auch um Faktoren wie Sexappeal oder das finanzielle Ruiniervermögen der Bikes geht. Gleichzeitig sehen wir diesen Vergleich als würdigen Abschied an ein Segment, welches ganze Töff-Generationen geprägt hat und dessen letzte Stunde nun geschlagen hat.

Euro3 nicht ohne Folgen
Die jüngste Entwicklungsstufe der seit 1990 gebauten Mito hört auf den Namen SP 525, wobei die erste 5 als Reminiszenz an den legendären Cagiva-500er-GP-Renner von John Kocinski zu verstehen ist. Die Aprilia RS 125 (damals mit Zusatzbezeichnung Extrema) ist seit 1993 im Markt. Die Vorgängerin AF1 125 kam bereits 1988 in die Schweiz, während die Urahnin der Mito, die optisch von der Ducati Paso abgeleitete Freccia, bereits im Jahr 1987 das Licht der Welt erblickte.

Gut 20 Jahre, in denen beide Modelle über etliche Leistungs- und Designvarianten weiterentwickelt wurden, sind seither vergangen. Und es ging permanent aufwärts, bis sich am 1. Januar 2006 das Damoklesschwert Euro3 löste und über das Zweitakt-Segment herfiel. Doch während praktisch alle Hersteller im Feld der Gemischschmierung das Handtuch schmissen, entwickelten Aprilia und Cagiva clevere Systeme, mit denen die Öl verbrennenden Motörchen mit der verschärften Abgasnorm in Einklang zu bringen waren.

Aprilia arbeitet mit einem zusätzlichen Katalysator, einem Sekundärluftsystem und einem Luftventil, das dem Motor im Schiebebetrieb nochmals Frischluft zuführt. Auch bei der Euro3-Mito sind ein zweiter Kat und ein Sekundärluftsystem verbaut. Das grosse Novum ist hier jedoch die elektronisch unterstützte Gemischaufbereitung via ECU. Via Monitoring verschiedener Faktoren wie Drehzahl, Position des Vergaserschiebers, Kühlwasser- und Umgebungstemperatur sowie Auslassschieber-Position errechnet und regelt das ECS (Elektronisches Vergaser-System) u.a. über die Ölpumpe (und die Zündung) das jeweils ideale Mischungsverhältnis.

In die Zeit zurückversetzt
Treffpunkt ist bei Aprilia-Importeur Ofrag in Lupfig, wo Simon an diesem ersten milden Frühlingsmorgen händereibend die RS in Empfang nimmt. David und ich reisen derweil mit der Mito von Zürich an. Einen Selbstversuch der Origami-Faltkunst ausführend, nehme ich im Obergeschoss, also hinten, Platz und sinniere: Ein Fräulein, das sich seinerzeit so etwas antat und dabei nicht in Versuchung geriet, dem Nötiger im Führerstand nach der Fahrt die Handtasche ins Gesicht zu knallen, muss wirklich verliebt gewesen sein.

David betätigt den Starterknopf – der Motor dreht, springt aber nicht an. Erst nach dem dritten Anlauf erinnert sich Dave, dass man diesen Motoren ruhig auch mal mit ein bisschen Gas auf die Sprünge helfen darf. «Prooon-don-don-zin-don-don!» Die Mito lebt, und mit einem Schlag fühle ich mich in die Flaumbart- und Clearasil-Zeit zurückversetzt. Und während uns David, dem auch schon der eine oder andere Dôle-Gläschen-Motor unter dem Allerwertesten detoniert ist, weil der ominöse Ölfilm gerissen war, prophylaktisch die Hand am Kupplungshebel haltend über die Autobahn dirigiert, kommen mir fast die Tränen. Zum einen, weil 100 km/h zu zweit das höchste der Gefühle sind, und zum andern, weil sich in mir ein melancholischer Film der Erinnerungen abzuspielen beginnt. Zum «Cast» zählen der immerzu freundliche Mech, für den wir wohl eher so was wie Bankscheine auf zwei Rädern waren, die schockierten und auch immer wieder angepumpten Eltern, für die der finanzielle Ruin ihrer Zöglinge vorprogrammiert war. Oder auch die Lehrbeauftragten, die uns von der Tatsache frustriert, dass wir im Gegensatz zu ihnen das Leben noch vor uns hatten, das Leben schwer machten, und die jungen Damen auf dem Pausenplatz, die uns als Primitivlinge sahen, sich in Wirklichkeit aber magisch von uns angezogen fühlten. Doch verlassen wir jetzt jene Tage, in denen man um eine Tankfüllung wettete, weil man die 10 Stutz gerade noch verkraften konnte, um endlich die beiden Kontrahenten gegeneinander antreten zu lassen.

Drei besondere Challenges
Das Wichtigste war und ist die Leistung. Und gerade hier macht sich bei beiden Bikes Ernüchterung breit. Sie wirken zugestopft und wollen nicht sauber über die 8000/min-Grenze drehen – speziell die Mito. Keine Frage: Unsere Euro2-Pendants gingen durchs Band besser. Und so erübrigt sich auch der obligate Vierhunderter, den die RS klar für sich entscheiden würde. Dennoch lagen auch bei ihr allerhöchstens 140 km/h (Tacho) drin. Zur Verteidigung der Mito ist allerdings festzuhalten, dass Cagiva nur noch die 11-kW-Version baut (15 PS, Kategorie A1 ab 18 Jahren). Die RS gibts dagegen auch in einer offen(er)en 15,5-kW-Version (21 PS, Kategorie A beschränkt ab 18). Und die sind wir gefahren.

Challenge Nummer 2 – finanzielles Ruiniervermögen: Früher oder später legt sich jeder Jungheizer hin. Und weil man nach dem Kauf einer RS (Fr. 7995.–) oder einer Mito (Fr. 7150.–) im Teenage-Alter per se schon ruiniert ist, muss ein Sturz angesichts der sich fast schon umgekehrt proportional zu Leistung verhaltenden Preise für Ersatzteile das Bankkonto zum Implodieren bringen. So will es die Tradition. Gehen wir vom Klassiker aus: Etwa drei Monate nach dem Kauf fühlt sich unser Jungheizer Herr der Lage, ist es de facto aber nicht und rutscht nach einer Schreckbremsung in einer Kurve übers Vorderrad weg. Im Idealfall haben nur der Bremshebel, der Rückspiegel und die Seitenschale das Zeitliche gesegnet. Macht bei der Aprilia RS exakt Fr. 435.25. Der Cagiva-Händler steckt sich für die gleichen Teile mehr in die Tasche: 462.65 Franken.

Challenge Nummer 3 – Sexappeal: Mit der Leistung – «meine hat 40 PS … am Hinterrad!» – konnte man schon damals niemanden hinters Licht führen. Mit dem Sound schon gar nicht. Nein, die wahre Stärke dieser Bikes liegt auch heute noch in der Optik. Und um herauszufinden, ob nun die RS oder die Mito die Kunst des Hochstapelns besser beherrscht, haben wir unsere 125er abends in Baden vors Kino Trafo gestellt. Es dauerte nicht lange, bis eine Gruppe, bestehend aus sieben Teenagern, angebissen hatte. Nachdem Fragen wie «Sie, …» – meine Güte, kamen wir uns alt vor – «… isch das e Zwölftuusiger?» oder «Gäledsie, die hät sächs Zylinder» geklärt waren, haben wir die alles entscheidende Frage gestellt: «Welche gefällt euch besser?» Aus der Sicht der Mito waren die Statements vernichtend. Freilich wusste auch sie zu gefallen, doch mit Abstand nicht im gleichen Masse wie die RS. Wieso? «Will sie schwarz isch, Mann! Und will sie es cools Tribal-Motiv uf de Siite hät!» Gut, diese Frage wäre auch geklärt.

Was uns besonders erstaunte, war das grosse Interesse, das diese Jungs für die Bikes aufbrachten. Sie fragten uns Löcher in den Bauch, und nach etwa zehn Minuten – wir schmissen uns das Phänomen nur zu gut kennend weg vor Lachen – liefen den Jungs die Mädels gelangweilt davon.

Auch unabhängig von unseren nicht sonderlich aussagekräftigen Challenges ist klar, dass die Aprilia RS das Rennen gemacht hat. Mit Radial-Bremsen, Stahlflex-Leitungen und Digital-Dashboard versehen, wurde sie konsequenter in die Neuzeit überführt. Sie ist komfortabler als die Mito, hat effizientere Bremsen und ein leichter bedienbares Getriebe. Nur beim Fahrwerk ist ihr die ultimativ-handliche und bei langsam gefahrenen Kurven deutlich stabiler liegende Cagiva voraus.

Lebt wohl, Aprilia RS und Cagiva Mito. Es war uns eine Freude und eine Ehre, mit euch gefahren sein zu dürfen.

 

Der Schein trügt - Reizende kleine Hochstapler. Der Schein trügt - Reizende kleine Hochstapler. © Andri Hirt
Fahren mit viel Schwung: Daran muss man sich erst wieder gewöhnen. Ebenso an das Fehlen der Motorbremse. Die Aprilia RS ist sehr  leicht und damit handlich, wirkt in Schräglage aber leicht kippelig. Fahren mit viel Schwung: Daran muss man sich erst wieder gewöhnen. Ebenso an das Fehlen der Motorbremse. Die Aprilia RS ist sehr leicht und damit handlich, wirkt in Schräglage aber leicht kippelig. © Richard A. Meinert
Radial-Bremse mit klarem Druckpunkt, guter Dosierbarkeit und satter Verzögerung. Radial-Bremse mit klarem Druckpunkt, guter Dosierbarkeit und satter Verzögerung. © Richard A. Meinert
Hübsche Leichtbau-Gabelbrücke; blau eloxierte Gabelstopfen. Hübsche Leichtbau-Gabelbrücke; blau eloxierte Gabelstopfen. © Richard A. Meinert
Stahlflex-Bremsleitungen: Vorne wie hinten serienmässig. Stahlflex-Bremsleitungen: Vorne wie hinten serienmässig. © Richard A. Meinert
Zwanzig Jahre Rivalität - Aprilia RS & Cagiva Mito. Zwanzig Jahre Rivalität - Aprilia RS & Cagiva Mito. © Richard A. Meinert
Drehmoment? Fehlanzeige! Bei diesen Zweitakt-125ern geht alles über die Leistung. Die jederzeit stabil liegende, auf 11 kW gedrosselte Euro3-Mito dreht ab 8000/min nur noch harzig hoch. Drehmoment? Fehlanzeige! Bei diesen Zweitakt-125ern geht alles über die Leistung. Die jederzeit stabil liegende, auf 11 kW gedrosselte Euro3-Mito dreht ab 8000/min nur noch harzig hoch. © Richard A. Meinert
Der schlichte Auspuffdämpfer macht viel Rauch. Der schlichte Auspuffdämpfer macht viel Rauch. © Richard A. Meinert
Den Lenkungsdämpfer braucht die Mito definitiv nicht, aber hübsch ist er allemal. Den Lenkungsdämpfer braucht die Mito definitiv nicht, aber hübsch ist er allemal. © Richard A. Meinert
Klassische Analog-Rundinstrumente. Klassische Analog-Rundinstrumente. © Richard A. Meinert
Die Teenager vom Kino Trafo posieren um die Wette und ziehen die Aprilia RS vor. Die Teenager vom Kino Trafo posieren um die Wette und ziehen die Aprilia RS vor. © Andri Hirt