TNT 899 S/BMW F 800 R

Designer Drogen

Von Simon Haltiner (Text & Fotos) und Alberto Cervetti (Fotos)
11.11.2009 10:31:23
Deutsche Präzision oder italienische Emotion. Stimmt das Klischee im Falle der beiden Naked-Bikes?

«Was willst du mit dem Vergleich überhaupt? » Emanuel schaut mich kritisch an. Wir sitzen im Hof des Albergo Arcadia in Ascona. «Wie meinst du das?» «Du vergleichst einen Pittbull mit einem Schaf.» Unrecht hat er nicht. Ein Blick auf die Specs zeigt: Der ähnliche Hubraum und das Fehlen einer Verkleidung stellen wohl die einzigen Gemeinsamkeiten dar. Somit lässt sich das Fazit erahnen: Die eine extrem, die andere gutmütig. Doch soll nichts verschrien werden. Mit der BMW F 800 R machen wir uns aufden Weg zum Benelli-Importeur bei Chiasso,wo die TNT 899 S uns erwartet. Ex-R6-Cup-Pilot Elsa fährt sicher, aber deutlich progressiv durch den Feierabendverkehr über den Monte Ceneri. Meine Erwartung BMW-typischen Sozius-Komforts wird enttäuscht: Die Sitzposition erinnert an einen Sportler.

«Typisch Italiani!»

Im Lieferanteneingang steht sie: Ihr zorniges Metallic-Orange strahlt, eloxierte Alu-Kappen funkeln zwischen schwarzem Rahmenwerk. Ein gedrungenes Biest. «Typisch Italiani!», amüsiert sich mein Kollege über den einem Klappmesser nachempfunden Schlüssel und schwingt sich auf die TNT. Sie knurrt bereits im Stand aggressiv. Ich erinnere mich an den Pittbull-Schaf-Vergleich: Die BMW unter mir gleicht akustisch einem Grossraum-Roller und ist gegen die Benelli kaum zu hören. Wir machen uns auf den Weg zurück Richtung Lugano, die tiefe Sonne blendet.

Lieber würde ich auf der Benelli sitzen: Sobald die Klappen auf Durchzug stehen, zieht sie fräsend davon. Der Bayern-Twin erinnert mich dafür im Teillastbetrieb mit nagelndem Ton an mein seliges Puch Maxi im Originalzustand. Im Blickfeld gestylte, ovale Armaturen, rechts auf dem Lenker thront wabbelnd der wuchtige Bremsflüssigkeitsbehälter. Statt Lenkkopf erblicke ich das omnipräsente BMW-Emblem. Trotz ihres jugendlichen Anspruchs lässt sich die BMW nicht auf das Niveau anderer Töffs hinunter, bleibt intellektuell. Ein Designerbike. Nichts für den Wurst fressenden Pöbel.

Entspanntes Schnellsein mit BMW

In Lugano Paradiso nehmen wir das verschlungene Strässchen nach Vicolo Morcote. Emanuel lässt die TNT von der Leine, kämpft mit vorgebeugtem Oberkörper gegen die steigende Front. Die BMW unter mir ändert ihre Tonlage und röhrt fleissig die Gänge in den Begrenzer. Der Paralleltwin fühlt sich quirlig an und hängt wundervoll am Gas. Er ist frei von harten Lastwechseln und brabbelt lustvoll im Schiebebetrieb. Dank schwacher Motorbremswirkung ist das Runterschalten unbedenklich. Im Gegensatz zur Benelli vor mir, bei der ich vor Kurven das über den Asphalt tanzende Hinterrad beobachte. Eine Anti-Hopping-Kupplung fehlt. Die F 800 R profitiert hier auch von ihrer vergleichsweise weichen Abstimmung, die auf solchen Holperstrecken deutlich mehr wegsteckt als das straffere Benelli-Fahrwerk.

Überhaupt ist die Bayerin trotz supermotoähnlichem Handling das komfortablere Bike. Ich wedle locker und entspannt einher. Das einzige Irritierende sind die versehentlich eingeschalteten Heizgriffe, die während der Kurvenhatz meine Finger rösten. Dennoch fühle ich mich wohl, profitiere ich von der erstaunlichen Elastizität des Motors und der ideal dosierbaren Bremse. Entspanntes Schnellsein mit BMW. Und das Schönste am Ganzen: Emanuel wird mich nicht los. Ungläubig schaut er in den Spiegel, das Schaf ist immer wieder da.

Zurück im Albergo beginnt das Fachsimpeln. «Ich hätte noch ganz anders gekonnt!» Klar, wer nicht? Mein Kollege kann meine aufkeimende Affinität für die BMW nicht nachvollziehen. Er schwärmt für die feurige Benelli.

Schein ungleich Sein

Nach Dusche und Deo gehts im Italo-Tenue zur Pizzeria. Diesmal fahre ich die Benelli. Sitzposition? Ähnlich wie auf der F 800 R: Aufrecht, relativ enge Kniewinkel und breiter Lenker. Ich führe das Klappmesser in die Mulde im wuchtigen Tank. Daumen drauf und los! Mechanisch rau erinnert der Dreizylinder an ein Kaffee-Mahlwerk. Doch ein scharfes: Oberhalb Standgas gilt Sturmwarnung. Der Dreizack sticht zu, lässt bis zum Begrenzer nicht locker. Das ganze Drehzahlband ist nutzbar. Entsprechend frei ist man in der Wahl der Fahrstufen, welche locker flutschen. Am Getriebe ist absolut nichts auszusetzen, doch das satte Klack-Gefühl des BMW-Schaltwerks besitzt es (wie die meisten anderen Getriebe) nicht. Letzteres ist so lustvoll zu bedienen, dass man öfter als nötig schaltet.

Obwohl der Benelli-Motor heftig zupackt, birgt er keine bösen Überraschungen. Doch auch nicht den Knall einer Tausender, den man erwartet, wenn man die aggressiv gestylte TNT vor sich sieht. Nicht mal Vibrationen sind zu erwähnen. Sie bietet die Akustik einer Kreissäge, doch fährt sie sich wie ein Elektrobike: Da verursacht die BMW mehr Vibrationen und nervt mit teils unscharfen Spiegeln. Ich staune: Die TNT ist ein einsteigerfreundliches Bike! So auch ihre Brembos: Sie erfordern mehr Kraft als die Stopper ihrer Opponentin und besitzen auch einen weniger definierten Druckpunkt. Doch sie taugen allemal und dürften gerade deswegen sogar ohne ABS als einsteigerfreundlich bezeichnet werden.

Ich gebe mir Mühe, irgendwelche Schwachpunkte zu entdecken. Doch das Einzige, was mich bei der nächtlichen Fahrt stört, sind Blitz-paranoia weckende Reflektionen der Strassenlaternen in der wulstigen Tachoverkleidung. Wenn wir schon dabei sind: Da spendiert man der S-Version eine Heckleuchtenkabel-Abdeckung aus Karbon, doch die Armaturen verlieren sich in einer schnöden Plastikwelt? Auch die bei einem Plumpser exponierten Kühler sind kritikwürdig. Die BMW besitzt dafür eine fummelige Sitzbank mit fingerdicken Fugen: Nicht sehr premium.

Überraschende Erkenntnis

Reinhard Onken, TÖFF-Abonnent und passionierter Guzzista, zeigt uns tags darauf mit seiner umgebauten Le Mans III die Gegend. Ich folge ihm auf der Benelli: Der Pittbull erweist sich auf der kurvigen Gelände als erstaunlich zahm. Man sitzt im Töff integriert wie in einem Kanu. Obwohl die Italienerin einen förmlich zum Heizen animiert, verhält sie sich vorherseh- und beherrschbar. Ein richtiges Spielzeug! «Eine Mischung aus Pittbull und Jack-Russel-Terrier» bringt es Emanuel auf den Punkt. Später folgt eine weitere Erkenntnis: Die Soziusergonomie ist nicht so viel anders auf als der BMW.

Zurück im Albergo zerren wir uns gegenseitig aus den klebenden Kombis und tauschen Erfahrungen. Der anfängliche Eindruck hat sich relativiert. Die beiden Töff fahren sich viel ähnlicher, als wir erwartet haben. Man darf sich nicht von auf Image und Design begründeten Vorurteilen fehlleiten lassen.

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