TNT 899 S/BMW F 800 R
Designer Drogen
«Was willst du mit dem Vergleich
überhaupt? » Emanuel schaut mich kritisch an. Wir sitzen im Hof des Albergo
Arcadia in Ascona. «Wie meinst du das?» «Du vergleichst einen Pittbull mit
einem Schaf.» Unrecht hat er
nicht. Ein Blick auf die Specs zeigt: Der ähnliche Hubraum und das Fehlen einer
Verkleidung stellen wohl die einzigen Gemeinsamkeiten dar. Somit lässt sich das
Fazit erahnen: Die eine extrem, die andere gutmütig. Doch soll nichts
verschrien werden. Mit der BMW F 800 R machen wir uns aufden Weg zum Benelli-Importeur
bei Chiasso,wo die TNT 899 S uns erwartet. Ex-R6-Cup-Pilot Elsa fährt sicher,
aber deutlich progressiv durch den Feierabendverkehr über den Monte Ceneri.
Meine Erwartung BMW-typischen Sozius-Komforts wird enttäuscht: Die Sitzposition
erinnert an einen Sportler.
«Typisch Italiani!»
Im Lieferanteneingang steht sie: Ihr zorniges
Metallic-Orange strahlt, eloxierte Alu-Kappen funkeln zwischen schwarzem
Rahmenwerk. Ein gedrungenes Biest. «Typisch Italiani!», amüsiert sich mein
Kollege über den einem Klappmesser nachempfunden Schlüssel und schwingt sich
auf die TNT. Sie knurrt bereits im Stand aggressiv. Ich erinnere mich an den
Pittbull-Schaf-Vergleich: Die BMW unter mir gleicht akustisch einem
Grossraum-Roller und ist gegen die Benelli kaum zu hören. Wir machen uns auf
den Weg zurück Richtung Lugano, die tiefe Sonne blendet.
Lieber würde ich auf
der Benelli sitzen: Sobald die Klappen auf Durchzug stehen, zieht sie fräsend
davon. Der Bayern-Twin erinnert mich dafür im Teillastbetrieb mit nagelndem Ton
an mein seliges Puch Maxi im Originalzustand. Im Blickfeld gestylte, ovale
Armaturen, rechts auf dem Lenker thront wabbelnd der wuchtige
Bremsflüssigkeitsbehälter. Statt Lenkkopf erblicke ich das omnipräsente
BMW-Emblem. Trotz ihres jugendlichen Anspruchs lässt sich die BMW nicht auf das
Niveau anderer Töffs hinunter, bleibt intellektuell. Ein Designerbike. Nichts
für den Wurst fressenden Pöbel.
Entspanntes Schnellsein mit BMW
In Lugano Paradiso nehmen wir das verschlungene
Strässchen nach Vicolo Morcote. Emanuel lässt die TNT von der Leine, kämpft mit
vorgebeugtem Oberkörper gegen die steigende Front. Die BMW unter mir ändert
ihre Tonlage und röhrt fleissig die Gänge in den Begrenzer. Der Paralleltwin
fühlt sich quirlig an und hängt wundervoll am Gas. Er ist frei von
harten Lastwechseln und brabbelt lustvoll im Schiebebetrieb. Dank schwacher
Motorbremswirkung ist das Runterschalten unbedenklich. Im Gegensatz zur Benelli
vor mir, bei der ich vor Kurven das über den Asphalt tanzende Hinterrad
beobachte. Eine Anti-Hopping-Kupplung fehlt. Die F 800 R profitiert hier auch
von ihrer vergleichsweise weichen Abstimmung, die auf solchen Holperstrecken
deutlich mehr wegsteckt als das straffere Benelli-Fahrwerk.
Überhaupt ist die
Bayerin trotz supermotoähnlichem Handling das komfortablere Bike. Ich wedle
locker und entspannt einher. Das einzige Irritierende sind die versehentlich
eingeschalteten Heizgriffe, die während der Kurvenhatz meine Finger rösten.
Dennoch fühle ich mich wohl, profitiere ich von der erstaunlichen Elastizität
des Motors und der ideal dosierbaren Bremse. Entspanntes Schnellsein mit BMW.
Und das Schönste am Ganzen: Emanuel wird mich nicht los. Ungläubig schaut er in
den Spiegel, das Schaf ist immer wieder da.
Zurück im Albergo beginnt das Fachsimpeln.
«Ich hätte noch ganz anders gekonnt!» Klar, wer nicht? Mein Kollege kann meine
aufkeimende Affinität für die BMW nicht nachvollziehen. Er schwärmt für die
feurige Benelli.
Schein ungleich Sein
Nach Dusche und Deo gehts im
Italo-Tenue zur Pizzeria. Diesmal fahre ich die Benelli. Sitzposition? Ähnlich
wie auf der F 800 R: Aufrecht, relativ enge Kniewinkel und breiter Lenker. Ich
führe das Klappmesser in die Mulde im wuchtigen Tank. Daumen drauf und los!
Mechanisch rau erinnert der Dreizylinder an ein Kaffee-Mahlwerk. Doch ein
scharfes: Oberhalb Standgas gilt Sturmwarnung. Der Dreizack sticht zu, lässt
bis zum Begrenzer nicht locker. Das ganze Drehzahlband ist nutzbar.
Entsprechend frei ist man in der Wahl der Fahrstufen, welche locker flutschen.
Am Getriebe ist absolut nichts auszusetzen, doch das satte Klack-Gefühl des
BMW-Schaltwerks besitzt es (wie die meisten anderen Getriebe) nicht. Letzteres
ist so lustvoll zu bedienen, dass man öfter als nötig schaltet.
Obwohl der
Benelli-Motor heftig zupackt, birgt er keine bösen Überraschungen. Doch auch
nicht den Knall einer Tausender, den man erwartet, wenn man die aggressiv
gestylte TNT vor sich sieht. Nicht mal Vibrationen sind zu erwähnen. Sie bietet
die Akustik einer Kreissäge, doch fährt sie sich wie ein Elektrobike: Da
verursacht die BMW mehr Vibrationen und nervt mit teils unscharfen Spiegeln.
Ich staune: Die TNT ist ein einsteigerfreundliches Bike! So auch ihre Brembos:
Sie erfordern mehr Kraft als die Stopper ihrer Opponentin und besitzen auch
einen weniger definierten Druckpunkt. Doch sie taugen allemal und dürften
gerade deswegen sogar ohne ABS als einsteigerfreundlich bezeichnet werden.
Ich
gebe mir Mühe, irgendwelche Schwachpunkte zu entdecken. Doch das Einzige, was
mich bei der nächtlichen Fahrt stört, sind Blitz-paranoia weckende Reflektionen
der Strassenlaternen in der wulstigen Tachoverkleidung. Wenn wir schon dabei
sind: Da spendiert man der S-Version eine Heckleuchtenkabel-Abdeckung aus
Karbon, doch die Armaturen verlieren sich in einer schnöden Plastikwelt? Auch
die bei einem Plumpser exponierten Kühler sind kritikwürdig. Die BMW besitzt
dafür eine fummelige Sitzbank mit fingerdicken Fugen: Nicht sehr premium.
Überraschende Erkenntnis
Reinhard Onken, TÖFF-Abonnent und
passionierter Guzzista, zeigt uns tags darauf mit seiner umgebauten Le Mans III
die Gegend. Ich folge ihm auf der Benelli: Der Pittbull erweist sich auf der
kurvigen Gelände als erstaunlich zahm. Man sitzt im Töff integriert wie in
einem Kanu. Obwohl die Italienerin einen förmlich zum Heizen animiert, verhält
sie sich vorherseh- und beherrschbar. Ein richtiges Spielzeug! «Eine Mischung
aus Pittbull und Jack-Russel-Terrier» bringt es Emanuel auf den Punkt. Später
folgt eine weitere Erkenntnis: Die Soziusergonomie ist nicht so viel anders auf
als der BMW.
Zurück im Albergo zerren wir uns gegenseitig aus den klebenden
Kombis und tauschen Erfahrungen. Der anfängliche Eindruck hat sich relativiert.
Die beiden Töff fahren sich viel ähnlicher, als wir erwartet haben. Man darf
sich nicht von auf Image und Design begründeten Vorurteilen fehlleiten lassen.

