HP2 Sport / RC8
Duell in der Hölle
Was der Volksmund «Grüne Hölle» nennt, ist eine 20 832 Meter lange Achterbahn mit 73 Kurven und 400 Metern Höhenunterschied. Die Landstrasse ohne Speed-Limit ist wohl die fahrerische und technische Herausforderung, die weltweit ihresgleichen sucht und für den Töff-Alltag höchsten Nutzen bringt (Kasten). Die längste Einbahnstrasse der Welt führt durch ein ausgedehntes Gebiet mit Bergen und Tälern, durch Wälder, an Wiesen vorbei und manchmal sogar durch verschiedene Wetterzonen.
Ist der Himmel wolkenverhangen, kann es hinter der nächsten Kurve nass sein. Das hat auch bei uns zu manch unkontrolliertem Schweissausbruch unter der Lederkombi geführt. Eben weil man sich auf der Eifel-Achterbahn mit Strassenverhältnissen, wie sie auch im Alltag auftreten, auseinandersetzen muss, ist die Nordschleife ein hervorragendes Simulationsterrain für Perfektionstrainings. Nicht nur aus diesen Gründen ist die Grüne Hölle auch ein wahres Eldorado für Fahrzeugtests. General Motors hat sogar Teile dieser Strecke in den USA nachgebaut. Der jährliche TÖFF-Vergleich auf dem alten Nürburgring ist also auch eine gute Referenz für die Schweizer
Motorradszene.
Hölle hin und zurück
Einmal Hölle hin und zurück mit zwei Sportlern aus Deutschland und Österreich: Wer zum ersten Mal auf der KTM RC8 Platz nimmt, bei dem kommt irgendwie Ducati-Feeling auf. Trotzdem ist die Sitzposition erstaunlich komfortabel. Die 500 Kilometer Anfahrt auf Autobahn und Hauptstrassen macht keine Mühe. Sogar an ein Hecktäschchen fürs kleine Gepäck haben die KTM-Ingenieure gedacht. Verdrehte Welten: BMW, der Spezialist für Tourenmotorräder, hat nicht mal einen Tankrucksack für den Sportboxer im Programm. Gut, dass wenigstens Touratech eine grosse Hecktasche anbietet, die wie gemacht ist für die HP2 Sport.
Verdrehte Welten auch beim Soundcheck. Das mit Auspuffpatschen untermalte Boxer-Brabbeln im Schiebebetrieb macht Hühnerhaut. Sieg für die BMW also – während beim Posen die KTM abräumt: Bei jedem Tankstopp bestaunen zahlreiche Menschen die Österreicherin, machen Fotos und stellen Fragen: «Was ist das für ein Bike? Ah …, die neue KTM – ach so sieht die aus. Wie ist sie denn zu fahren?»
Die BMW gibt sich unauffälliger, versprüht aber dennoch Sportsgeist pur. Im Positiven wie im Negativen. Denn wie bei der KTM sind auch die Rückspiegel der BMW im Strassenbetrieb absolut nutzlos. Nur mit Verrenkungen, die eine Ellenbogenfraktur provozieren, lässt sich vielleicht erahnen, wie es um den rückwärtigen Verkehr bestellt ist. Unverständlich und untolerierbar: Wenn beide Hersteller schon auf Spiegel mit schneller Demontage-Möglichkeit setzen, dann sollten diese wenigstens gute Sicht nach hinten bieten.
Der Champ und die Feuerprobe
Die BMW HP2 Sport nimmt für sich in Anspruch, der stärkste und sportlichste Boxer aller Zeiten zu sein. Auch der erste Supersportler aus Österreich verspricht Fahrdynamik pur: eine Synthese aus Bärenkräften und agilem Handling. Soweit zur Theorie. Aber es gibt auf der Nordschleife keinen Streckenabschnitt, der besonders einfach zu fahren wäre. Manche sind besonders schnell, manche sehr uneben, manche beides. Höchste Anforderungen also für Fahrwerk und Bremsen.
Eine gute Referenz ist auch unser Testpilot: Der Nordschleifen-Champ Helmut Dähne höchstselbst hat für TÖFF die KTM und den stärksten Boxer der Welt durch das Eifel-Labyrinth gejagt. Sein Resümee nach zwei Runden ist eine Überraschung, die auch wir, die TÖFF-Testfahrer, zu 100 Prozent bestätigen. Helmut Dähne: «Die BMW hat eindeutig das bessere Fahrwerk. Mit ihr lässt sich zielgenauer die angepeilte Linie einhalten. Und sie ist relativ handlich. Die Stopper der KTM empfinde ich als etwas zu giftig. Wenn man da in Schräglage zart mit der Bremse korrigieren muss, stört das zuweilen den flüssigen Kurvenablauf. Das BMW-Fahrwerk ist die Ruhe selbst und bringt eine Menge Spass. Die KTM dagegen wirkt nervös. Sie macht dauernd irgendwelche Eigenbewegungen, die den flüssigen Kurvenablauf stören. Man muss relativ oft korrigieren, trifft die vorgescannte Linie nicht auf Anhieb – man muss sich an dieses Motorrad so richtig eingewöhnen. Es dauert schon mehrere Runden, bis man damit eine saubere Linie fährt. In Sachen Fahrwerk ist die BMW deutlich im Vorteil.
Der Boxer hat aber leider etwas zu wenig Drehmoment unten herum. Die BMW brennt ihr Feuerwerk erst bei 7000 Touren voll ab. Wer richtig schnell unterwegs sein will, kommt um viel Schaltarbeit nicht herum. Der KTM-Motor ist da viel besser. Der zieht ganz gleichmässig und linear übers gesamte Drehzahlband durch. Allerdings alles andere als vibrationsfrei. Es schüttelt mächtig in den Lenkerenden. Der Sportboxer gibt sich auch nicht gerade sanft und weich wie ein japanischer Vierzylinder, aber doch deutlich angenehmer als der KTM-Motor. Die Schaltung der BMW ist ganz hervorragend. Butterweich und präzise. Da vergisst man zuweilen, dass die HP2 Sport diesen hervorragenden Schaltautomaten hat. Das Getriebe der KTM ist dagegen hakelig – es springt sogar manchmal der Gang heraus, wenn man etwas schlampig und schnell geschalten hat. Das passiert bei der BMW nicht.»
Die Überraschung …
Dähne: «Rundherum, muss ich sagen, ist die BMW das stimmigere Sportmotorrad. Für unbedarfte Amateure jedoch sind beide Motorräder nichts. Sowohl die BMW als auch die KTM brauchen viel mehr Aufmerksamkeit und Inputs vom Fahrer als beispielweise eine neue Fireblade. Man muss schon richtig arbeiten auf diesen Motorrädern.» Bleibt anzumerken, dass auch der Preis der Euro-Sportler für manchen höllisch sein dürfte.
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BMW HP2 Sport Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxer, DOHC (Kette), 4 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 101 u 73 mm, 1170 ccm, Verdichtung 12,5. Benzineinspr./Zündung. Einscheiben-Trockenkupplung, 6 Gänge (Schaltassistent), Kardan. 133 PS bei 8750/min, 115 Nm bei 6000/min. Die BMW zieht messerscharf jede vorgescannte Linie nach. |
KTM 1190 RC8 Ausführlicher Fahrbericht: TÖFF 04/08 oder hier Online. Eine ausführliche Fotostrecke ist auch Online. |
| Mit Spass für mehr Sicherheit im Verkehr Es hat sich herumgesprochen, dass man gerade als eher durchschnittlicher Motorradfahrer auf der Nordschleife eine Menge lernen kann. Die Nordschleife ist eine unendliche Geschichte, weil sie sehr komplexe Anforderungen stellt, an denen man Jahre arbeiten kann und selbst die wahren Experten unter den Motorradfahrern noch immer neue Facetten finden. Möchten auch Sie erfahren, was den Reiz der legendären Nordschleife ausmacht und dabei Ihr Fahrkönnen unter Expertenanleitung verbessern? Die Nordschleife hat den abwechslungsreichen Streckenverlauf einer Landstrasse vorzuweisen, nur eben ohne Tempolimit und Gegenverkehr. Der Ring wurde bereits von 1925 an auch als Freiluftlabor für die Fahrzeugindustrie geplant. Heute würde man die Piste als ein Simulationsprogramm für Strassenverhältnisse, wie sie auch im Alltag auftreten, bezeichnen. Deshalb ist die «Grüne Hölle» auch für Leute geeignet, die mit Rennsport nichts am Hut haben. Beim Swiss Perfektionstraining können dank der Gruppeneinteilung und wegen der über 20 Kilometer Streckenlänge Racer und Tourer gefahrlos die eigenen Grenzen ertasten, ohne einander zu stören. Alles unter fachlicher Anleitung hochkarätiger Instruktoren. Wer einen aktiven Beitrag zur Sicherheit im Schweizer Strassenverkehr leisten will, der kann 2009 wieder sein Fahrkönnen verbessern. Ein Training, bei dem mit Sicherheit auch der Spass grenzenlos ist. |
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Im Adenauer Forst: Die KTM gibt sich in schnellen Kurvenwechseln agiler. Die BMW brilliert mit absoluter Präzision







