Italo-Supermotos
Giro Tutti Passi
In sechs Tagen 90 Pässe? Mit einer Ducati Hypermotard und einer Aprilia Dorsoduro? Die Redaktoren von der Vollgasfraktion klopfen sich mal wieder auf die Schenkel. Ihre Empfehlung dieses Jahr: Ich solle lieber eine Boss Hoss testen. Immer dasselbe Gelaber: Rundenzeiten, Fahrwerks-Klicks, Wheelies, Radial-Bremsen. Ihr bildet euch wohl ein, alle Sporttöff exklusiv gepachtet zu haben.
Zwei Italos auf der Tutti Passi
Dabei kratzen die meisten Biker einfach
nur die Kurven auf Europas Strassen. Fragen, welche diese
Racing-Fetischisten nie gestellt haben, wird der Tutti-Passi-Test
beantworten: Wie viel ist Supermoto der erbaulichen Pässehatz
zuträglich? Wohin mit dem Gepäck? Wird der Aktionsradius
wegen der mickrigeren Tankvolumen bald in Posing-Runden ums Café
angegeben – oder wegen brettharter Sitzbänke in Blasen am
Hintern?
Spass beiseite: Was sind denn die entscheidenden Argumente eines potenziellen Kunden für den Kauf eines Motorrades? Etwa die Rundenzeiten einiger aufgeblasener Schreiberlinge? Oder dass das neue Modell nun eine um 2,43 cm kürzere Schwinge aufweist? Doch wohl eher dass der Ofen gut aussieht und auch im schnöden Alltag Spass macht. Deshalb hat TÖFF mit der legendären Swiss Alpenchallenge nicht nur einen gefragten Motorradevent etabliert (Kästen ab S. 19), sondern nutzt die 129-Pässe-Tour seit sieben Jahren auch als einen aussagekräftigen Praxistest unter erschwerten Bedingungen.
14 Pässe. Die erste Etappe
Auf dem Challenge-Prüfstand: Die
Ducati Hypermotard – la bellissima italiana. Eine auf das Nötigste
reduzierte Schönheit aus Kunststoff, Stahl und Kohlefaser. Ihr
Sparringspartner? Auch eine angriffslustige italienische Kurvendiva
im Supermoto-Outfit: Aprilia Dorsoduro. Unter ihrem knapp
geschnittenen Kleidchen werkelt die Technik der Shiver, also ein V2
mit 95 PS und 750 ccm.
Unser heimlicher Star bei Beginn der Tutti Passi? Natürlich die 1100er-Duc. 90 PS, 191 Kilo. Was waren wir scharf auf diesen Peperoni von einem Motorrad. Deshalb schien die andere italienische Verführung, die Aprilia Dorsoduro, auf den ersten 500 Kilometern für Daniel die vermeintlich zweite Wahl.
Daniels Enttäuschung am ersten Tag, mit der Aprilia vorliebnehmen zu müssen, verflüchtigt sich schon in den ersten Kurven der Pillerhöhe: Die Aprilia begeistert den action team-Tourmanager vom Start weg durch messerscharfes Handling und glasklare Rückmeldungen.
Daniel: «Das perfekte Fahrwerk bietet den passenden Rahmen für einen nicht weniger überraschenden Motor. Frei von Lastwechseln macht der 750er-Zweizylinder das Fahren zum Kinderspiel. Leicht und unbeschwert wie ein Mountainbike – die Dorsoduro ist für jeden Spass zu haben. Der gigantische V2-Sound aus den Ansaugtrichtern röhrt dazu sein ‹Born to be wild›. Ein böses Motorrad. Und was für eins! Nicht lange, und ich war ihr verfallen, mit Haut und Haar. Kurven, seien sie noch so schräg und fies, werden auf diesem Bike zur unbeschwerten Belustigung.»
Aprilia und die Pisa-Studie
«Einzig die geringe Reichweite
trübt die traute Zweisamkeit. Bereits nach 135 Kilometern
Pässejagd brennt die Reserveleuchte der Aprilia ihrem Piloten
ein Loch in die Netzhaut – ihr dürstet nach dem Rüssel.
Höchstens 60 km später ist sie dann völlig trocken.
Von den popeligen 12 Litern Tankinhalt laut Werksangabe stehen in der
Praxis nur lächerliche 10,67 zur Verfügung. Der Rest bleibt
Reserve für ganz harte Zeiten, denn man kommt ohne Schöpfkelle
nicht an den Sprit heran.»
Auch der TÖFF-Redaktor notierte Tage später ins Fahrtenbuch der Dorso-duro: «Dass die smarte Italienerin mitten auf der Pässejagd ohne Most auf der Strecke blieb, hat sie sich in doppelter Hinsicht selbst zuzuschreiben. Nebst dem geringen Tankvolumen gaukelt ihr Bordcomputer auch noch einen Durchschnittsverbrauch von gerade mal 4,1 Liter vor, obwohl im Schnitt tatsächlich 5,55 Liter durch die Benzinschläuche flossen.»
Die Pisa-Studie lässt grüssen: An den Mathematik-Kenntnissen der Aprilia-Ingenieure kann der gravierende Rechenfehler unmöglich liegen. Offensichtlich wird die Verbrauchsanzeige der Aprilia durch einen politischen Korrekturfaktor zur verlogenen Informantin programmiert.
Gnädigerweise ging uns der Sprit erst einen Kilometer vor dem Hotel, just auf der Turracher Höhe, aus. Die Hypermotard wird zum Abschlepp-Töff und Daniels linker Arm zum Abschlepphaken. Und der wird immer länger. Die Aprilia ist nämlich schwerer, als es den Anschein hat. Die träge Masse von rund 200 Kilogramm drohen Daniels Schulter auszukugeln.
Tutti paletti und tutti platti …
Trotz dieser Enttäuschung bleibt
die Dorsoduro für beide Testfahrer bis aufs letzte Gramm und bis
zum verstecktesten Detail eine begehrenswerte Schönheit. Eine,
die mit hingebungsvoller Liebe zusammengebaut scheint. Selbst unter
den erschwerten Bedingungen der Pässe-Challenge macht dieses
Designer-Stück – das übrigens 4000 Stutz günstiger
ist als die Standardversion der Ducati Hypermotard, eine
hervorragende Figur. Mit der 750er ist man immer im siebten Himmel,
und auch nach der anstrengendsten Etappe der 90-Pässe-Challenge
fühlt man sich pudelwohl – auch wenn sie mit ihrer Sitzbank
fast schon brutal den Allerwertesten malträtiert. Aber das kann
die Hypermotard noch besser: Gacher Blick, Piller Höhe,
Turracher Höhe …, 14 Pässe,
490 km und 1000 Kurven später. Danach sieht der Ducatista Micha
im Gegensatz zum unfreiwilligen Aprilia-Testfahrer Daniel aus wie
dreimal von einer Goldwing überrollt: Blass, abgekämpft,
müde, dazu noch wortkarg, verweigert der Ducati-Pilot dem
Aprilia-Treiber sogar den gemeinsamen Absacker an der Bar. Bald
sollten auch die Tutti-Passi-Teilnehmer verstehen, warum.
Daniels Ducati-Tag
Tag zwei der Tutti Passi. Ducati-Tag
für Daniel. 11 Pässe stehen im Roadbook. Dani tönt
schon auf dem Parkplatz: «Endlich nehme ich die heiss ersehnte
Hypermotard her! Wenn schon die Aprilia so erbaulich war, was erst
lässt dieser Stern am Fun-Bike-Himmel erhoffen?»
Doch seinen enthusiastischen Vorschuss-Lorbeeren folgt erst mal die totale Ernüchterung: strömender Regen. Und dann notiert Daniel ins Testprotokoll: «Keine Kurve gelingt auf Anhieb, die Ducati will immer viel weiter hinaus als ich. Jedes noch so zarte Gasanlegen beantwortet die Hypermotard mit einem Bocksprung.»
Tutti nassi …
Zugegeben: Die regennassen
Kopfsteinpflaster-Serpentinen des Vrsic-Passes in Slowenien bringen
jeden zur Verzweiflung. Doch die Diva ist auch noch ein wasserscheues
Luder: Aus niederen Drehzahlen geht sie viel zu hart ans Gas. Während
die Aprilia nur so um die Ecken fliegt, sind die
Lastwechselreaktionen der Hypermotard unter diesen
Witterungsbedingungen nur unter höchster Konzentration
auszumerzen. Es scheint, als ob Feuchtigkeit die Kurvenwaffe bis in
die Tiefen der Black Box verstimmt: Nichts passt, alles geht
schwer …, kuppeln, schalten, lenken,
der Gasgriff. Egal, wie sehr sich Daniel auch anstrengt, an der
Aprilia ist nicht dran zu bleiben. Da helfen auch 20 Nm mehr
Drehmoment nicht weiter. Nasse Strassen der Kategorie «klein,
gemein, holprig», da muss der Ducatista schon selbst klar
kommen. Beim Stopp an der slowenisch-italienischen Grenze ist
kleinlautes Wimmern aus Danis Helm zu vernehmen: «… bitte,
bitte, lass diesen Tag ganz schnell zu Ende gehen.» Die Aprilia
dagegen scheint Regen zu lieben: Mit eingeschalteter Zündung
springt sie wie von Geisterhand an. Dia-gnose: Wassereinbruch im
Startknopf.
Eitel Sonnenschein
Tag fünf. 12 weitere Pässe
sind zwischen dem Passo Rolle und dem Passo Valles zu meistern. Die
Sonne scheint, die Strassen sind trocken, die Bologneserin
rehabilitiert: Wenn der Asphalt glatt ist, die Radien schneller
genommen werden können, dann kann man mit der Duc dem
Aprilia-Treiber endlich mal das Rücklicht zeigen. Steht die
Hypermotard auf den verregneten Etappen eher für
hyperventilierende Ducatisti, so verbreitet sie jetzt hypermässige
Freude. Wohlgemerkt, die Aprilia Dorsoduro macht auch unter diesen
Bedingungen noch Megaspass. Als Packesel – und somit für die
grosse Tour – aber eignet sich die Ducati eindeutig besser. Der
schöne Gitterrohrrahmen bietet zahlreiche Möglichkeiten,
die Reiseutensilien sicher zu befestigen. Der Dorsoduro-Fahrer
dagegen wird jeden Morgen zum unfreiwilligen Fesselungskünstler.
Pässeknackers Fazit
Wer mit den Supermotos im Strassentrimm
auch gerne mal verreisen möchte, ist mit der Ducati besser
bedient: Zwar fährt sich’s auf der Hypermotard längst
nicht so entspannt und bequem wie auf der Dorsoduro, aber die
grössere Reichweite und bessere Verzurrmöglichkeiten geben
den Ausschlag.
Eine bittere Niederlage für Aprilia: Mehr Aktionsradius, ein paar Häkchen fürs Gepäck, und die Hypermotard könnte einpacken. Nicht nur weil die Dorsoduro ebenso unverschämt gut aussieht, sondern auch noch mit einem attraktiven, geradezu Büezer-freundlichen Preis aufwartet. Handling, Komfort, Laufkultur – überlegen und betont kultiviert aus dem tiefsten Drehzahlkeller begeistert die Aprilia selbst auf nassem Kopfsteinpflaster. Das grösste Handicap der Duc? Ihre harte Sitzbank und die Gasannahme, die manche Linie in nassen Serpentinen verhagelt.
|
Aprilia SMV 750 Dorsoduro Motor: Flüssigkeitsgekühlter
V2-Zylinder-Viertakter, Zylinderwinkel 90°, DOHC (Kette), 4
Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 92 u 56,4 mm, 749,9 ccm, Verdichtung 11.
Elektr. Benzineinspritzung/Zündung, Saugrohr-x 50 mm. 1
Drosselklappe pro Einlasskanal. Ride-by-wire.
Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. Fahrwerk: Verbund aus Stahl-Gitterrohrrahmen und Alu-gussteilen, 43-mm-USD-Gabel, voll einstellbar, Alu-Zweiarm-schwinge mit direkt angelenktem Federbein, Federbasis und Dämpferdruckstufe einstellbar, Federwege 160/160 mm. Vorn Doppelscheibenbremse, x 320 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse, x 245 mm, Einkolbenzange. Leichtmetallräder 3,50-17 und 6,00-17 Zoll. Reifen 120/70-17 und 180/55-17. Abmessungen: Radstand 1508 mm, Lenkkopfwinkel 64°, Nachlauf 108 mm, Sitzhöhe 870 mm, Trockengew. 186 kg, Tank 12 l, Testverbrauch 5,6 l, theor. Reichweite 214 km. Preis: Fr. 12 990.–, lieferbar in Rot, Schwarz und Silber. Import: Mohag AG, Tel. 044 434 86 86, www.aprilia.ch |
Ducati Hypermotard 1100 S Motor: Luftgekühlter V2-Zylinder-Viertakter, OHC (Zahnriemen), 2 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 98 u 71,5 mm, 1078 ccm, Verdichtung 10,5. Elektr. Benzineinspritzung/Zündung, Saugrohr-x 45 mm. Mehrscheiben-Trockenkuppl., 6 Gänge, Kette. 90 PS bei 7750/min, 102,9 Nm bei 4750/min. Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl, 50-mm-USD-Gabel (Marzocchi), voll einstellbar, Alu-Einarmschwinge Zentralfederbein (Öhlins) mit Umlenksystem, voll einstellbar, Federwege 165/141 mm. Vorn Doppelscheibenbremse, x 305 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse, x 245 mm, Zweikolbenzange. Leichtmetallräder 3,5-17 und 5,5-17 Zoll. Bereifung 120/70-17 und 180/55-17. Abmessungen: Radstand 1455 mm, Lenkkopfwinkel 66°, Sitzhöhe 845 mm, Gewicht trocken 179 kg (177 kg), Tank 12,4 l. Testverbrauch 5,7 l, theor. Reichweite 217 km. Preis: Fr. 19 990.– (16 990.–, Standard-Version
Hyper- Import: Motorimport SA, Tel. 044 434 87 87, www.ducati.ch |









