V-Rod Muscle - Vmax

Tunnelblick

Von Daniele Carrozza
27.07.2009 16:26:07
Harley-Davidson V-Rod Muscle, Yamaha Vmax: Welches Show-Bike wird dem Böse-Buben-Image besser gerecht?

Im Song «The Boys Are Back in Town» singt Thin Lizzy-Frontmann Philip Lynott von einer Gruppe wilder Jungs, denen man besser nicht in die Quere kommt, wenn sie sich bei «Dino's Bar & Grill» mal wieder prügeln wollen. Wenn ich mir diesen Rock-Klassiker heute anhöre, spielt sich vor meinem inneren Auge ein Video-Clip ab, in dem die Mütter ihre dahinschmelzenden Töchter ins Haus zerren, während die borstigen Rabauken auf wuchtigen Feuerstühlen durch die Häuserschluchten donnern. Auf imposanten Harter-Kerl-Bikes vom Schlag einer Yamaha Vmax oder einer Harley V-Rod Muscle, die aufgereiht vor Dinos Bar den Zoff suchenden Rivalen von der Nachbarstadt den Tarif schon mal optisch durchgeben. Töff, die aber auch mit dem nötigen Antritt aufwarten für den Fall, dass man sich nach einer Keilerei hurtig aus dem Staub machen muss, um den Beknüppelten zu entfliehen.

Sitzposition: Zwei Welten
Also her mit den beiden Dragster-Neuerscheinungen der Saison 2009 – und los! Neben der mächtigen Vmax wirkt die nach bewährtem Long-'n'-low-Schnittmuster gefertigte V-Rod nicht zierlich, aber doch ein ganzes Stück kleiner. Dies, trotz identischem Radstand von 1700 mm. Die Vmax baut halt bedeutend höher und breiter. Was sich auch in den straff gepolsterten Führerständen der beiden Kontrahenten bemerkbar macht. Während die Vmax bei 174 cm Grösse auf Zehenspitzen im Lot gehalten werden muss (Sitzhöhe: 775 mm), könnte man über der V-Rod stehend problemlos eine Bowlingkugel zwischen den Po und das Sitzpolster (640 mm) klemmen. Auch wenn man so als Ritter der Nacht eine passende Nahkampfwaffe griffbereit hätte, wäre die Fahrt natürlich ausgesprochen unkomfortabel. Zudem würde man die Füsse nicht auf die vorverlegten Fussrasten bringen. Womit wir bei einem zentralen Punkt wären: Während man auf der Vmax eine kompakte, aufrechte und eigentlich für Naked-Bikes typische Sitzhaltung einnimmt, spannt man sich mit weit über die Airbox-Abdeckung gezogenem Oberkörper (der Tank ist bei beiden Töff schwerpunktgünstig unter dem Sitz) in die V-Rod ein. Man nimmt also ganz eindeutig auf einem Cruiser Platz. Wobei auch die Lenker – bei der Yamaha angenehm gekröpft und bei der Harley recht weit vom Sattel entfernt – ihren nicht unwesentlichen Teil zu den jeweils charakteristischen Körperhaltungen beitragen. Was beide Bikes formidabel beherrschen: Die Fixierung des Hinterteils an Ort und Stelle bei Beschleunigungsorgien.

Wenn der Asphalt Falten schlägt
Beschleunigen; das Schlüsselwort bei diesen Katapult-Bikes. Während die V-Rod den Spurt von 0 auf 100 in 3,6 Sekunden macht, pulverisiert die V-Max diese Marke in lediglich 2,66 Sekunden. Am Gewicht von bei beiden Töff fahrfertig knapp über 310 Kilo kann die Dominanz der Vmax nicht liegen, sondern an dem, was bei beiden Kandidaten optisch als Erstes ins Auge sticht – beim Motor. Während Harley die V-Rod Muscle mit dem 1250-ccm-Revolution-V2 an die Ampel schickt, dominiert ein gigantischer 65-Grad-V4 mit 1679 ccm Hubraum das Erscheinungsbild der Yamaha. Macht unter dem Strich 200 PS und 167 Nm Drehmoment bei der Vmax gegen 123 PS und 115 Nm bei der Muscle. Ob das fair ist? Nein. Doch nicht die Power allein ist das Mass aller Dinge. Nehmen wir den Verbrauch: Wie die Boys trinken auch deren Feuerstühle gerne mal einen über den Durst: 8,34 Liter auf 100 Kilometer gönnte sich die V-Rod, ganze 9,6 Liter killte die Vmax.

Jetzt aber zum Ernst des Outlaw-Lebens: Die Ampel schaltet auf Grün, die Yamaha boostet mit einer selten erlebten Vehemenz ab. Dieser Antritt, diese brachiale Kraft, egal, in welchem Drehzahlbereich … schlicht aphrodisierend. Doch die Vmax kann auch anders: Zur Omnipräsenz des V4 addiert sich die geschmeidige Gasannahme, eine lineare Leistungszunahme und eine Laufruhe, die ihresgleichen sucht. Der V4 lässt sich also spielend auch bei ziviler Gangart zügeln und macht dabei eine brillante Figur. Daneben geht der ebenfalls beachtliche Antritt der V-Rod fast schon etwas unter. Auch sie dreht makellos hoch, doch manifestiert sich beim V2 eine progressive, eine Drehzahl-orientierte Schubentwicklung. Lastwechsel sind die Spezialität der V-Rod: Kaum ein Bike hängt so sanft am Gas wie sie.

Auch das Ohr will seinen Teil: Die Harley gibt dezente Lebenszeichen von sich – das von einem Techno-Surren untermalte Wummern des Vierventilers dürfte durchaus einen Zacken energischer ausfallen. Da gibt die Klangkulisse der Vmax deutlich mehr her. Schon im Standgas fabriziert das dumpfe Grollen des V4 reichlich Hühnerhaut. Die Power-Cords spielt die Yam ab 5000/min, wo sie richtig abzupfeffern beginnt und sich das Klangspektrum hin zu einem sonoren «wraaaaaaaah!» wandelt.

Zur Kupplung: Bei der Harley recht straff, aber gut dosierbar und nie ruppig – bei der Vmax top. Bestnoten auch für die Getriebe: Das Fünfstufensystem an der Muscle arbeitet wie jenes an der Vmax präzis und mit mittellangen Schaltwegen. Allerdings gibt sich die US-Schaltbox etwas knochig und nicht gerade leise. Auch das Pendant aus Iwata gewinnt diesbezüglich keinen Preis, doch dafür passt die Getriebeabstufung bestens zum hiesigen Strassenbetrieb. Wohingegen man bei der Harley bei 50 km/h genau zwischen dem ersten und dem zweiten Gang kreuzt.

Was sonst noch aufgefallen ist: Die Harley verfügt über einen strengen und relativ langen Gaszug. Lästige Vibrationen sind weder beim einen noch beim anderen Bike ein Thema.

Einmal glühen, einmal kreuzen
Was sich beim Studium der Sitzpositionen angedeutet hatte, konkretisiert sich in der Praxis. Sprich, die Harley fährt sich wie ein Cruiser, die Yamaha wie ein Naked-Bike. Letztere gibt sich erfrischend handlich, reagiert prompt auf Lenkimpulse und liegt im Eck enorm stabil. Das straff abgestimmte Fahrwerk lässt sich kaum an seine Grenzen bringen – die Federelemente bügeln Unebenheiten zuverlässig und feinfühlig weg. Auch die Schräglagenfreiheit passt. Und all dies bei drei Zentnern Leibesgewicht, 200er-Walze und regelrechten Bomber-Dimensionen. Keine Frage, die Vmax ist punkto Fahrzeugbalance eine Meisterleistung der Ingenieurskunst.

Zügig angesteuerte Bögen flutschen auf der mit einem 240er-Gummi besohlten Muscle ganz ordentlich. Doch ist sie gegenüber der Vmax klar träger und hat zudem die Tendenz, sich in langsam gefahrenen Kurven aufzustellen. Doch der brandschatzende Rabauke, der ohnedies einen üppigen Bizeps mit sich herumträgt, gewöhnt sich schnell an diesen Sachverhalt. Dass die Harley bei ähnlich straffer Abstimmung, aber deutlich kürzerem Federweg weniger gewillt ist, Unebenheiten in sich aufzunehmen, dürfte unserem Freund schon eher zu schaffen machen. Doch wer eine Muscle sein Eigen nennt, ist hart im Nehmen und weiss, dass sein Zweirad nicht für die Kurvenhatz und Rumpelpisten konzipiert wurde. So raspeln die Fussrasten denn auch relativ früh über den Asphalt. Bedeutend früher als bei der Vmax.

Nein, V-Rod-Muscle-Reiter mögens anders: Sie streifen lieber gemächlich durch ihr Revier, markieren den Big Boss und lassens bei Bedarf gehörig qualmen.

Vmax: Eine Klasse für sich
Beim Lesen dieser Story kann der Eindruck entstehen, die Muscle sei ein problematisches Fahrzeug. Weit gefehlt – sie meistert praktisch alle Disziplinen mit guten bis sehr guten Noten, sieht scharf aus und gehört zu den am schnellsten aus den Startlöchern schiessenden Bikes dieser Welt. Es ist nur so, dass die Vmax ein in jeder Hinsicht phänomenal gelungenes Bike darstellt, das die Messlatte extrem hoch ansetzt. So wirft die polyvalent einsetzbare Japanerin einen gigantischen Schatten, in dem die Muscle etwas untergeht. Doch so viel Klasse und Exklusivität hat auch ihren Preis: 32640 Franken wandern beim Yamaha-Händler über den Tresen. Da spielt die V-Rod mit 25300 Franken klar in einer anderen Liga.

Wer nun plant, sich eines dieser beiden Show-Bikes in die Garage zu stellen, sollte sich auch gleich Gedanken um einen effizienten Diebstahlschutz machen. Denn eben, «The Boys Are Back in Town».


Gesamtfazit
Mit der neuen Vmax hat Yamaha in zehn Jahren Entwicklungszeit ein epochales High-end-Bike geschaffen, das auf der ganzen Linie überzeugt. Wer sie einmal gefahren ist, fragt sich nur noch, wie er am schnellsten die 32 640 Franken zusammenbekommt. Was die Performance der subtileren V-Rod Muscle betrifft, gilt für diesen Vergleich wohl das Sprichwort: Das Bessere ist des Guten Feind.

The boys are back, und sie machen auf ihren majestätischen Feuerstühlen nicht nur beim Ritt in die City einen imposanten Eindruck. The boys are back, und sie machen auf ihren majestätischen Feuerstühlen nicht nur beim Ritt in die City einen imposanten Eindruck. © art4press
Im Kurvengewühl fühlt sich die Vmax genauso zu Hause wie auf dem Drag-Strip. Im Kurvengewühl fühlt sich die Vmax genauso zu Hause wie auf dem Drag-Strip. © art4press
Auch die V-Rod gibt sich an der Ampel die Ehre und kreuzt trotz vorverlegten Fussrasten erstaunlich schräg durchs Eck. Auch die V-Rod gibt sich an der Ampel die Ehre und kreuzt trotz vorverlegten Fussrasten erstaunlich schräg durchs Eck. © art4press
Die Armaturen der Vmax wirken gemessen am stattlichen Preis etwas lieblos. Die Armaturen der Vmax wirken gemessen am stattlichen Preis etwas lieblos. © art4press
Kardan-Antrieb: Wartungs- und erstaunlich reaktionsarm. Kardan-Antrieb: Wartungs- und erstaunlich reaktionsarm. © Daniele Carrozza
Vmax-Infozentrale: Die grossen Ziffern erleichtern das Ablesen massiv. Vmax-Infozentrale: Die grossen Ziffern erleichtern das Ablesen massiv. © art4press
Langer und strenger Gaszug, wertig wirkende Bedienelemente. Langer und strenger Gaszug, wertig wirkende Bedienelemente. © art4press
Wartungsfreundlicher Riemenantrieb, modifizierte Auspuffanlage für mehr Druck im unteren Drehzahlbereich. Wartungsfreundlicher Riemenantrieb, modifizierte Auspuffanlage für mehr Druck im unteren Drehzahlbereich. © art4press
Hübsche Instrumente, zu kleine Ziffern. Hübsche Instrumente, zu kleine Ziffern. © art4press
65-Grad-V4: Die 200 PS der Vmax lassen sich dank linearer Leistungszunahme ohne Schweissausbrüche geniessen. Technische Highlights: Variable Ansauglängen, Drive-by-Wire, Rutschkupplung. 65-Grad-V4: Die 200 PS der Vmax lassen sich dank linearer Leistungszunahme ohne Schweissausbrüche geniessen. Technische Highlights: Variable Ansauglängen, Drive-by-Wire, Rutschkupplung. © art4press
60-Grad-V2: 123 PS, leicht progressive Leistungsentfaltung. Der Revolution-Motor spricht geschmeidig an und läuft samtweich. 60-Grad-V2: 123 PS, leicht progressive Leistungsentfaltung. Der Revolution-Motor spricht geschmeidig an und läuft samtweich. © art4press