Next Level

Yamaha MT-10

Von Dimitri Hüppi
09.02.2017 16:16:48

Die Yamaha MT-10 hat uns in der vergangenen Saison als Dauertesterin begleitet, und uns manchen heissen Ritt beschert.

Ihre beiden eckigen LED-Augen fixieren dich mit fiesem Blick. Und das weisse Licht aus dem linken Abblendlicht- und dem rechten Fernlichtscheinwerfer zieht die Aufmerksamkeit eines jeden auf sich. Die Augen­ sitzen in tiefen, symmetrisch angeordneten Höhlen, deren Oberseite sich von aussen nach innen absenkt. Darüber sitzt die Kombi aus Tachoeinheit und kurzem Windschild. Mittig platziert die Positionsleuchte, zu beiden Seiten die lackierten Windabweiser, die sich nach oben hin in der rauchgrau getönten Minischeibe vereinen.

Gehalten wird der sportliche Deflektor, der trotz seines unglaublich schnittigen Designs funktioniert, von vier Schrauben am Cockpit. Diese nehmen gegebenenfalls auch das optionale, grossflächigere Touringwindschild mit deutlich höherer Scheibe auf. Durch die zwischen den Scheinwerfern befindliche schlanke Nase saugt sich der mächtige, 160 PS leistende Crossplane-Vierzylinder-Motor die Luft zum Feuern an. Die beiden mächtigen Hutzen an den Seiten dagegen sind wie diejenigen der MT-Schwestermodelle nicht funktional. Auf der linken Seite ist der Sicherungskasten darin untergebracht. Auch keine wirkliche Aufgabe haben die Flügelchen direkt unter den Scheinwerfern – doch unterstreichen sie wie eine Kampfbemalung den martialischen Auftritt.

Mit Erfolg polarisierend

Keine Frage: Spätestens jetzt, nachdem man das Gesicht der auf dem Supersportler YZF-R1 basierenden Yamaha MT-10 so genau studiert hat, weiss man, ob einem Yamahas neuer Anführer der «Hyper-Naked»-Familie gefällt oder nicht. Die ab 14 680 Franken erhältliche MT-10 treibt die zerklüftete Optik der MT-Serie auf die Spitze und polarisiert damit mehr als jede andere ihrer kleineren Schwestern. Man ist davon fasziniert oder man kann nichts damit ­anfangen.

Angesichts des bisherigen Verkaufserfolges kann man sagen, dass die Verantwortlichen mit der Design- und Philosophie-Kreation namens «The Dark Side of Japan» («Die dunkle Seite Japans») richtig liegen. Sie steht unter anderem für eine neue, junge Töff- und Töfffahrerkultur, in der Emotion, Individualität und viel Power bei gleichzeitiger Handlichkeit zentral sind.

Die bis Ende Juli verkauften 233 Einheiten katapultierten die MT-10 jedenfalls innert kürzester Zeit (die ersten Bikes standen am 25. Mai bei den Händlern) auf Rang 5 der yamahainternen Rangliste der bestverkauften Motorräder. In der ganzen Saison 2016 wurden in der Schweiz 304 MT-10 zugelassen, womit sie auf platz 18 in der Verkaufsstatistik landete und sich damit einen Platz in den Top 20 sicherte. Viele der bisherigen Kunden sind Umsteiger von der FZ1 und von Supersportlern, gefolgt von MT-Aufsteigern und Neukunden.

Mit Ecken und Kanten

Auch von der Seite und von hinten betrachtet wirkt die MT-10 keineswegs glatt: Kanten, Schlitze, kleine Flächen und ein Mix aus verschiedenen Materialien bzw. verschieden erscheinenden Oberflächen bestimmen das Aussehen. Und dennoch erkennt man, dass es sich hier um ein harmonisch durchkom­poniertes Produkt handelt. Die verschiedenen Farben bzw. Oberflächen korrespondieren bestens miteinander und jedes Element findet da und dort seine Gegenstücke. 

So ist etwa das knallige Neongelb der Felgen auch in den MT-10-Schriftzügen an den Flanken und am Windschild wiederzufinden. Und das zugehörige Grau (diese – zweitbeliebteste – Farbkombination heisst «Night Fluo») findet sich überall dort, wo Farbe statt unlackierter Kunststoff eingesetzt wird. In den beiden anderen erhältlichen Farbgebungen «Tech Black» (Platz eins in der Nachfrage) und «Race Blu» (Platz drei) ist das Schema abweichend, doch mit derselben Konsequenz umgesetzt. 

Erster Eindruck bestätigt

Als grosse Schwester der erfolgreichen Modelle MT-09 und MT-07 stellt die MT-10 nicht nur designtechnisch das nächste Level dar. Auch in Sachen Fahrdynamik setzt sie nochmals eins oben drauf. Ihr vom Supersportler R1 übernommener und auf mehr Druck in der Mitte getrimmter Crossplane-Vierzylinder (CP4) ist einfach eine Wucht. Unser erster Eindruck von der Pressevorstellung wird jetzt im TÖFF-Dauertestbetrieb bestätigt. 

Was die Ingenieure mit dem CP4 angestellt haben, kann sich sehen lassen und dürfte einem breiten Band von Fahrern mehr als nur recht sein. Man geniesst durch die Kurbelwelle mit je im 90-Grad-Winkel (anstatt 180 Grad) versetzten Hubzapfen einerseits die Vorzüge eines herkömmlichen Vierzylinders, die da wären: ungeheurere Drehfreude und schiere Leistung für nicht enden wollenden Vortrieb bei schnellen Etappen – etwa auf der Rennstrecke oder der Autobahn.

Andererseits verleiht die besondere Konstruktion dem Motor einen Charakter, der an V-Triebwerke erinnert: mit viel Druck von unten, sanftem Lauf mit wenig und wenn, dann nicht hochfrequenten Vibrationen – sowie einem bassigen Klang, der selbst bei hohen Drehzahlen nicht ins Fauchen, sondern höchstens in ein tiefes Brüllen übergeht. 

Seine Kraft entfaltet das aufgrund seiner ungleichen Zündfolge auch «Big-Bang»-Motor genannte Triebwerk trotz des vorhandenen Punchs anfänglich sanft und bestens kontrollierbar. Dann jedoch, je weiter die Drehzahl steigt, kommt es zu einer regelrechten PS-Explosion … 

Dem zügigen Vorpreschen zuträglich ist freilich auch das sich einwandfrei zu schaltende Sechsganggetriebe. «Zu-Fuss-Faule» sind denn aufgrund der Reserven und der Getriebeabstufung auch nicht gezwungen, ständig hin- und herzuzappen, obwohl die leichtgängige Rutschkupplung dem auch nicht im Wege steht. Wir nehmens gerne so – man fährt ja auch mal in der Stadt im Stop-and-go. Für die besonders Eiligen gibt es aber auch einen Quickshifter im Original-Zubehör. 

Wie die kleinere Schwester

Von der kleinen Schwester MT-09 geerbt hat die «10» die fast schon perfekte Kombination aus Agilität und Stabilität. Dies, obwohl das Fahrwerk keineswegs von der Kleinen, sondern auch von der R1 stammt. Und zwar vom Deltabox-Hauptrahmen über die volleinstellbare Kayaba-USD-Gabel bis hin zur massiven Zweiarmschwinge und dem ebenso einstellbaren Kayaba-Monofederbein. All diese Elemente wurden lediglich von Supersport auf mehr Alltagstauglichkeit getrimmt. Auf gelungene Weise, wie wir finden, denn so wieselt sie flink über Alpenpässe und bleibt auf der deutschen Autobahn bei 180 km/h stoisch in der Spur. Allenfalls könnte der eine oder andere die Rückmeldung am Heck als etwas in­different empfinden, doch dank Stellschräubchen dürfte es auch in diesem Fall eine passende Feinjustierung geben.

Der Achterbahn-Start

Eine Kritik gibt es dennoch – ebenso wie bei unserem ersten Kontakt: In zwei von drei Modi ist das Ansprechverhalten des Motors zu harsch. Das Dilemma: Im Grunde wünschte man sich immer den gefühlten Monsterantritt des direkten «B»-Modus, wenn nur der blitzartige Einsatz aus dem Schiebebetrieb heraus einem nicht ständig die Linie auf der unbekannten Traumstrecke versaute. Unsere Wunschvorstellung: Die ersten drei, vier Millimeter Gasgriff-Bewegung wie im Standard-Modus (mit dieser Intensität würde man auch einen Kinderwagen anschieben) und danach den weiteren Verlauf wie im B-Modus. So ergäbe sich ein harmonischer Kickeffekt wie beim Start einer Achterbahn, die ihren «Sturzflug» beginnt: im ersten Augenblick ganz sachte, dann aber, ohne dass man den Übergang wirklich merkt, plötzlich unglaublich heftig. 

Bei der MT-09 bestand das Problem mit der zu heftigen Ansprache bis zum erfolgten Software-Update auch. Bei der MT-10 würde Yamaha dann reagieren, wenn dieser Wunsch in den laufenden Kundenbefragungen auf breiter Front gewünscht würde, heisst es beim Schweizer Importeur auf Anfrage. Bis dahin bleibt einem nur, die Feinmotorik der Hand der Elektronik (Ride-by-Wire) anzupassen. 

Slow down

Ist Gegenschub gefragt, ist auf die vordere ABS-Doppelscheibenbremse mit radial montierten Vierkolbensätteln Verlass. Sie können ordentlich verzögern und lassen sich gut dosieren. Nur bei wirklich sportlicher Fahrweise in kurvigem Geläuf würde man sich über einen etwas klarer definierten Druckpunkt und ein klein wenig mehr Anfangsbiss freuen. Wir nörgeln hier aber ganz klar auf hohem Niveau! 

Von der technischen Seite her können wir sagen: Die ersten 6500 Kilometer meisterte unser Saisontester ohne Störfälle. Motor, Getriebe, Fahrwerk und Bremsen – alles arbeitet nach wie vor einwandfrei. Ausserdem erfuhren wir – nachdem wir mit der MT-10 schon in Deutschland, Holland, Österreich und Slowenien waren –, dass man sich auf ihr auch auf längeren Etappen wohl fühlt. Insbesondere TÖFF-Tester Imre Paulovits bestätigt: «Tagesetappen bis 1000 Kilometer sind ohne Schmerzen im Allerwertesten machbar.» Wie auf den MT-Schwestern sitzt man auf der MT-10 relativ aufrecht und der Kniewinkel ist nicht zu eng, weshalb sie sich auch für den Alltag zum Pendeln bestens eignet. Und die LED-Scheinwerfer können nicht nur böse dreinschauen, sie werfen nachts auch einen brauchbaren Lichtkegel auf die Strasse und die angrenzenden Ränder. Nur ein My heller dürfte das Abblendlicht noch sein. 

Gefallen – insbesondere auf Autobahnetappen – hat uns auch der einfach zu bedienende Tempomat. Schade nur, dass er erst ab 50 km/h funktioniert und dadurch in 30er-Zonen nicht zur Verfügung steht. Verbrauchsseitig ist der «R1-Chlöpfer» nicht gerade ein Sparwunder. Aber mit durchschnittlich 6 Litern (bei nicht ausschliesslich sportlicher Fahrweise) sind wir angesichts des gebotenen Spekakels dennoch mehr als zufrieden.
 

Yamaha MT-10

Hubraum: 998 ccm
Leistung: 160 PS bei 11 500/min
Gewicht: 210 kg fahrfertig
Preis: 14 680 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 340.20 Fr./Jahr


Auf den Punkt gebracht

Die MT-10 ist ein Top-Allrounder, der für die tägliche Fahrt in die City genauso taugt wie für die Fernreise oder die sportliche Feierabend- bzw. Wochenendtour.


Plus-Minus

+ Motor: Druck unten, Power oben, Sound
+ Fahrwerk: Sportlich, aber alltagstaugl.
+ Unverwechselbare Optik
+ Handling, Gewicht, 12-V-Steckdose
+ Preis-Leistungs-Verhältnis

– Harte Gasannahme in 2 von 3 Modi
– Einstellb. Kupplungshebel nur Zubehör
– Tempomat erst ab 50 km/h aktivierbar
– Flügelchen an Rückleuchte empfindlich

Motor *****
Fahrwerk ****
Bremsen ****
Ergonomie ****

Import
Hostettler AG, 6210 Sursee, Tel. 041 926 61 11, www.yamaha-motor.ch

 

Welch ein Blick! Welch ein Blick! © Richard A. Meinert
Das Multifunktionsdisplay ist schlicht, funktional und gut ablesbar. Das Multifunktionsdisplay ist schlicht, funktional und gut ablesbar. © Richard A. Meinert
Dieses Kürzel steht für Crossplane-4-Zylinder. Dieses Kürzel steht für Crossplane-4-Zylinder. © Richard A. Meinert
Die MT-10 ist schnell. Für noch schnellere Gangwechsel gibt es im Zubehör einen Quickshifter für 309 Franken. Die MT-10 ist schnell. Für noch schnellere Gangwechsel gibt es im Zubehör einen Quickshifter für 309 Franken. © Richard A. Meinert
Der linke Daumen bedient unter anderem die Schalter für Tempomat, Traktionskontrolle und Licht. Der linke Daumen bedient unter anderem die Schalter für Tempomat, Traktionskontrolle und Licht. © Richard A. Meinert
Einstellbar: Die USD-Teleskopgabel aus der R1. Einstellbar: Die USD-Teleskopgabel aus der R1. © Richard A. Meinert
Radial montiert: Vierkolben Bremszangen, die sich in 320 mm grosse Scheiben beissen. Radial montiert: Vierkolben Bremszangen, die sich in 320 mm grosse Scheiben beissen. © Richard A. Meinert
Übergabe der Dauertest-MT-10 in Sursee. Übergabe der Dauertest-MT-10 in Sursee. © Richard A. Meinert
Night Fluo heisst diese aufsehenerregende Farbkombi. Night Fluo heisst diese aufsehenerregende Farbkombi. © Richard A. Meinert
Hier sitzt man bequem. Hier sitzt man bequem. © Richard A. Meinert
Hier fehlt was: Die  beiden Flügelchen, welche die Oberseite des Rücklichts bedecken, sind abhanden gekommen. Sie sind aber leicht zu ersetzen. Hier fehlt was: Die beiden Flügelchen, welche die Oberseite des Rücklichts bedecken, sind abhanden gekommen. Sie sind aber leicht zu ersetzen. © Richard A. Meinert
Ausgewogen: 51 Prozent des Gewichts lasten auf der Vorderachse, 49 Prozent auf der Hinterachse. Ausgewogen: 51 Prozent des Gewichts lasten auf der Vorderachse, 49 Prozent auf der Hinterachse. © Richard A. Meinert
40 Prozent des R1-Motors wurden für den Einsatz in der MT-10 angepasst. 40 Prozent des R1-Motors wurden für den Einsatz in der MT-10 angepasst. © Richard A. Meinert
Satter Sound, der hier entweicht. Das Hinterrad hält eine lange und stabile Zweiarmaluschwinge. Satter Sound, der hier entweicht. Das Hinterrad hält eine lange und stabile Zweiarmaluschwinge. © Richard A. Meinert
Einstellbares Kayaba-Federbein am Heck. Einstellbares Kayaba-Federbein am Heck. © Richard A. Meinert
Der kurze Radstand macht die MT-10 sehr handlich. Der kurze Radstand macht die MT-10 sehr handlich. © Richard A. Meinert